Das Wenige... (Teil 2)
Ich öffne eines der Alben. Die Fotos zeigen meine Großmutter, so wie ich sie kannte: Elli ausgelassen, in geselliger Runde. Elli im Dahliengarten, im Rosengarten, in einem Meer von Tulpen – Blumen hat sie geliebt. Elli in einem Heißluftballon. Elli auf hoher See. Elli in der Wüste, auf einem Kamel. Bis nach Marokko ging es mit dem Schiff, bis nach Tunesien. Mit dabei: die Kartendamen. Es gibt unzählige Fotos von Festen. Von dem fröhlichen Miteinander einer Familie. Von Tischen, die sich unter der Last der Schüsseln und Schalen biegen. Alles ist geschmackvoll angerichtet und üppig mit Blumen geschmückt. Dazwischen: Elli, die lacht und trinkt, singt und tanzt. Die sich absichtlich komisch hinstellt, den Mund aufreißt. Die einer antiken Statue die Hand vors Gemächt hält. Ihre Bildunterschriften unterstreichen den Spaß: Grazien, an der Zahl 3, trinken Sekt oder Weinabend bei Frau W., beide Damen Spätlese, fruchtig-spritzig. Guter Jahrgang. Manche Kommentare sind derbe: Lachen, saufen und dann Augen zu, Bäuerchen machen. So war sie – ganz genau so. „Der typische Oberschlesier“, lese ich später in einem von Ellis Büchern, „ist katholisch und gilt als rau, aber gesellig und gastfreundlich und verfügt über eine gehörige Portion Mutterwitz.“1 Er arbeitet hart und ist zäh. Die Frauen arbeiten für zwei. Disziplin, Fleiß und Bescheidenheit kennzeichnen ihn. Seine Begabung ist es, so zu leben, dass es Spaß macht. Er braucht die Großfamilie, die Nachbarn, Bekannte.2 Entweder strebte Elli danach, eine Oberschlesierin zu sein, wie sie im Buche steht. Oder diese Beschreibung wurde in ihrem Andenken verfasst.
Als ältestes von vier Geschwistern kam sie 1920 in Ratibor zur Welt. Über diese frühen Jahre ist mir nur wenig bekannt. Die Idee, die ich von ihrer Kindheit habe, ist so vage wie ein Schattenbild, das das schwache Licht des Morgens durch das Schlüsselloch an die Wand wirft. Wenn ich mich anstrenge, erkenne ich in dem weichen, flächigen Grau ein Bild, das auf dem Kopf steht. Was ich weiß: Oskar, ihr jüngster Bruder, starb bereits im Kindsbett. In einem winzigen Sarg hätten sie ihn auf den Friedhof getragen, erzählte Elli einmal. Ein totes Baby? Ich lauschte wie versteinert, aber ihre Stimme klang unbeschwert, heiter beinahe. Zu lang war dies her, zu viel seitdem geschehen. Elli erzählte von kalten Wintern und kratzigen Strumpfhosen. Von der Motschka, einer süßliche Suppe, die ihre Mutter immer an Weihnachten zubereitet habe. Von dem Bauern, bei dem sie Kartoffeln klaubten und auf dessen Feldern sie verstecken spielten, wenn die Garben nach der Heuernte standen. Sie sprach über den Butterkuchen, den sie auf riesigen Blechen buken, um ihn dann durch die Zäune zu reichen – was sie damit gemeint hatte, kann ich heute nur ahnen. Und davon, wie sie ihren Klassenkameraden einmal auf den Kopf gepinkelt hätte – von einem Baum aus, auf dem sie sich, weit oben im Blattwerk, versteckt hatte. In einer auffälligen Gleichförmigkeit sprach Elli über die ganze Bandbreite des Lebens. Ihre Stimme verändert sich dabei nicht, war immer leicht. Ob sie über ihren toten Bruder sprach oder über ihre Streiche. Was immer Elli erzählte: stets glänzten ihre Augen, und sie lachte rundheraus über das Leben – über einfach alles, was es zu bieten hatte.
Kurz bevor der Krieg ausbracht, lernte sie meinen Großvater kennen. Für die Hochzeit gab es Fronturlaub. Ein halbes Jahr später wurde Rosa geboren. Drei Jahre danach kam mein Vater zur Welt. Es waren die Jahre ohne die Männer. Nur Alte, Versehrte und Bauern blieben daheim. Indes war Elli nicht allein. Immer an ihrer Seite: ihre Mutter, ihre Schwester, zahlreiche Cousinen und Tanten. Die Jahre seien auszuhalten gewesen, beteuerte meine Großmutter, und ihre Stimme klang so leicht, dass ich tatsächlich die längste Zeit glaubte, das Leben mitten im Krieg sei gut gewesen.3 Immerhin blieb Schlesien bis kurz vor Kriegsende verschont. Die wahren Gräuel spielten sich anderswo ab. Elli wurde nicht müde, das zu betonen. Erst sehr viel später begriff ich: da muss eine unablässige Furcht gewesen sein. Eine permanente Unsicherheit – was wird kommen, was passieren, was den Männern? Und irgendwann hielt eben doch das Grauen Einzug, kamen die Russen und mit ihr die Zäsur.
Flucht. Ein Terminus wie eine Wand. Der alles sagt und nichts. Der abgeschlossen ist, kantig und rau. Der einen Hohlraum enthält, einen Ort der Leere auch. Das Wort selbst: das Unheil an sich versehen mit einem klaren, unverhofft harten Abschluss: Fluch-t.
Viel sprach Elli nicht darüber, und vielleicht lag das an mir. An meiner vollkommenen Ahnungslosigkeit, an meiner Naivität. Ihre mit mir geteilten, mir mitgeteilten Erinnerungen verschwimmen zu einer längeren, etwas unbequemen Zugreise in einem überfüllten Abteil. Gut, zuvor hätten sie an einer niedrigen Stelle die Kinder über die Oder getragen. Denn schwimmen – das hätten nur die Leichen gekonnt, die in der Böschung trieben (spätestens an dieser Stelle verkrampfte ich mich). Zeitweise hätten sie sich in einer Scheune verbergen müssen. Vor wem denn, Oma (ich war vielleicht 14 Jahre alt)? Na, den Russen! Ich weiß noch, wie wir in ihrem Wohnzimmer saßen und ich ihr zuhörte. Wie wenig mir das sagte, wovon sie da sprach. Wie ich es hörte, aber nicht verstand. Ich sitze dort, unbeholfen, und sage nicht viel. Ich weiß nicht mal, warum. Nur das unbestimmte Gefühl: es ist besser so. Denn das Grauen, das meine Großmutter erfahren hatte, nagte an mir. Ich – die nichts dergleichen erleben musste, die immerzu satt war und es pausenlos warm hatte: Ich. Konnte. Es nicht. Ertragen. Es war fast so, als säße die Angst, die sie ausgestanden hatte, mir in den Knochen, während sie auf unerklärliche Weise davon befreit war.
Dass sie bald nach der Rückkehr meines Großvaters aus der Gefangenschaft ernsthaft krank wurde, mag Zufall gewesen sein oder auch nicht. Elli erwähnte es selten und wenn sie es tat, dann nur, um zu erzählen, wie gut sie damit fertig geworden wäre. Wenn sie schon über den Magenkrebs sprach, der nicht ihr Magenkrebs war, sondern der Magenkrebs, dann in der Pose der Siegerin. Sie bestand darauf, dass ihr der Magen eines Schafs einverleibt worden war, als der ihr eigene nicht mehr zu gebrauchen gewesen wäre. Ich glaubte ihr jedes Wort. Ein weiteres Narrativ ihrer Genesung war außerdem: die Sahne. Von der nämlich hätte sie nach der OP reichlich gegessen, obwohl der Arzt genau das verboten hat: fettiges Essen = der sichere Tod. Sie hätte es trotzdem so gemacht. Vielleicht sogar: erst recht. Eben das ihre Haltung, und so hielt sie es generell. Elli hatte die Deutungshoheit über das Leben. Ihr Leben. Und nie lag ein Bedauern in ihrer Stimme, wenn sie über dieses Leben sprach. Vielleicht war es eine bewusste Entscheidung, vielleicht auch ihre Natur. Was es auch war: Meine Großmutter hat die guten Tage gezählt. Aber sie hat auch die schlechten in Kauf genommen, und dann hat sie sich das Schlechte zu Eigen gemacht. Nie blieb es etwas, das ihr widerfuhr. Sie nahm das Leben an, mit allem, was es zu bieten hatte, und dann hat sie es gestaltet.
Sogar noch den Tod ihres Mannes verpackte Elli in eine Geschichte, aus der sie mit einer gewissen Haltung hervorging. Sie hat mir oft davon erzählt. Früher als gewöhnlich sei Gerald damals von der Arbeit nach Hause gekommen. Er habe sich nicht wohl gefühlt. Das hätte am Autounfall tags zuvor gelegen. Mit einem Arbeitskollegen sei er auf spiegelglatter Straße in einen Graben gefahren. War aber nur ein Blechschaden, deshalb ist er auch gleich weiter ins Büro, man habe ihn ja erwartet. Dann aber, einen Tag später, sei er früher heimgekommen als gewöhnlich. Sie hätte gleich bemerkt, dass da etwas nicht stimmte. Sie habe seine gelbliche Haut gesehen und bemerkt, dass er ganz anders roch. Da hat sie ihn zum Arzt geschleppt, ein paar Straßen weiter. Vermutlich strengte ihn das unnötig an, aber was sonst hätte sie tun sollen: ohne Telefon, ohne Auto? Vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln und lauthals die gesamte Nachbarschaft grüßend, sei sie keine Stunde später ohne ihn nach Haus gegangen. Siebzehn Tage vor seinem 54. Geburtstag. Elli war 49 Jahre alt.
Ich weiß nicht, wie oft ich diese Geschichte gehört habe. Die keine Geschichte über eine Erfahrung mehr war, sondern eine Geschichte über das Erzählen. Ich wusste genau, was wann kommt und lauschte dennoch wie gebannt. Im Erzählen nahm Ellis Gesicht einen verschmitzten Ausdruck an, und wohl deshalb sah ich sie in meiner Vorstellung gut gelaunt nach Hause eilen. Ich sah die Blumen in den Gärten, an denen sie vorüberging, dabei starb mein Großvater im Winter. Ich sah meine fröhlich winkende Großmutter und die erschrockenen Gesichter ihrer Nachbarn. Heute verstehe ich, dass sie auf diese Weise über den Tod ihres Mannes sprach, weil sie die Fähigkeit besaß, einen Abstand zu bauen zwischen sich und dem Erlebten. So dass nicht sie das Erlebte wurde.