Wurst und Ehre
Waka, Waka dröhnt es aus den Boxen. Shakiras kehlige Stimme wird von einem treibenden Beat unterlegt. So geht das schon seit einer halben Stunde. Ich habe mich in mein Auto zurückgezogen und träume von einer Tasse Espresso und dem Vogelgezwitscher in meinem Garten. Vor meiner Windschutzscheibe: ein leergefegter Fußballplatz. Der Duft von Filterkaffee liegt in der Luft. Ich beobachte einen Vater, der Kohle und Würstchen schleppend in Richtung Vereinsheim geht und schäle mich aus dem Auto. Noch eine gute Stunde bis zum Anpfiff. Parallel zum Showdown zwischen England und Spanien findet heute die Landesmeisterschaft der E-Jugend statt, irgendwo in the middle of Dschörmäni, und ich mittendrin. Denn ich bin eine Fußballmutti, ob ich will oder nicht.
Lange wollte ich das nicht. Bin nicht so der Typ dafür, habe ich gedacht. Klar, ab und an komme ich schauen wie mein Jüngster spielt. Nur eben nicht jedes Wochenende. Mein Mann und ich wechseln uns ab. Okay, meistens geht er schauen. Ich mache andere Dinge. Elternabende zum Beispiel. Aber heute bin ich dabei. Denn heute messen sich alle Kreismeister des Landes. Heute geht’s um die Wurst. Unschlüssig stehe ich am Spielfeldrand und sehe zu, wie die Mannschaften nach und nach aus den Katakomben kommen, um sich aufzuwärmen. Ich überlege, ob ich grell pfeifen soll, denn es ist noch immer erst 10 nach 10. Einen Pfiff direkt durch die Schneidezähne, Marke Die Spiele mögen beginnen. Jetzt! Aber dann fällt mir ein, dass ich gar nicht pfeifen kann. Na gut.
Vielleicht sollte ich mich lieber nützlich machen. Den anderen Eltern helfen, die bereits das Mannschaftszelt errichten. Sie sind ein eingespieltes Team und fertig, bevor ich überhaupt fragen kann. Schon bald stehe ich inmitten einer Zeltstadt. Wie kleine Forts umringen sie das Schlachtfeld. Auch Campingstühle sind hoch im Kurs. Die Profis haben eine Campingstuhlausziehbank dabei. Ich entscheide mich nun doch für eine Tasse frisch gebrühten Filterkaffee. Er schmeckt besser, als er riecht. Das ist ein seltener Glücksfall in der Vereinsheimkultur. Mit meiner Wochenzeitung setze ich mich auf eine mit Flechten überzogene Holzbank, deren Rückenlehne so niedrig ist, dass ich kurzerhand ein Memo in mein Handy tippe: Campingstühle kaufen.
Während ich mich noch frage, warum in allen Ecken des Feldes die indonesische Flagge gehisst wurde und dabei kurz ein stechendes Fernweh bekomme, geht eine entschlossene Mutter auf beachtlich hohem Schuhwerk über den abschüssigen Rasenrand und breitet unterhalb meiner Holzbank eine geblümte Decke aus. Aus einer Kiste, die sie unter ihrem Arm trägt, entnimmt sie mehrere Barbis und ein Barbi-Wohnmobil. Ihre Tochter, die plötzlich einfach da ist, vielleicht war auch sie in der Kiste, beginnt zu spielen. Ich schnalze anerkennend mit der Zunge: diese Mutter ist nicht nur stilsicher, sie ist vorbereitet. Denn heute wird ein langer Tag, auch für ihre Tochter.
Plötzlich dreht jemand dem endlosen Gedudel (Waka, Waka Utz-Utz) den Saft ab. Endlich! Es ist soweit! Zehn Mannschaften machen sich bereit unter dem verhaltenen Klatschen ihrer Eltern eine Runde zu drehen. Interessiert lausche ich, wessen Fankurve am lautesten ist. Rot-Weiß hat ein paar röhrende Väter dabei, die sich mit geübtem Brunftgeschrei Luft machen. Aber Blau-Gold hat die ausdauernderen Klatscher. Ob das etwas zu sagen hat?
Parallel beginnen die ersten Spiele. Ich geh zu meinem Sohn, wünsche Glück, denn gleich sind sie dran. Er ist angespannt. Sein Trainer steht neben ihm und strahlt Ruhe aus. Er ist mehr der gelassene Typ. Ich finde das super. Da gibt es selten ein Rufen vom Spielfeldrand, schon gar kein wütendes Geschrei. Ich beobachte, wie sich die gegnerische Mannschaft im Kreis aufstellt, um mit einem gemeinsamen Schlachtruf Einigkeit und Stärke zu demonstrieren. Auch die Mannschaften auf dem Nebenplatz machen das so. Ich finde das ein bisschen albern und sehr cool von unserem Trainer, dass er dabei nicht mitmacht. Die Jungs sind doch erst elf. Sollte Fußball da nicht einfach nur Spaß machen? Und Kreismeister sind sie ja trotzdem geworden. Passt doch.
Anpfiff. Hellblau (unsere Jungs) gegen Rot-Weiß (Brunftgeschrei). Schnell ist der erste Treffer versenkt, die Väter johlen. Am Spielfeldrand gibt der rot-weiße Trainer (hochroter Kopf, weißes Cappie) im Minutentakt vor, was seine Jungs zu tun haben. Ganz klar: er ist der 12. Mann auf dem Platz. (Eigentlich aber der 8., denn in der E-Jugend spielen die Kinder noch sieben gegen sieben auf kleineren Feldern.) Könnte mir ja ganz egal sein, dass der sich so echauffiert. Aber weil die Mannschaft noch ein zweites Tor versenkt, blitze ich wütend zu ihm rüber. Hilft aber nicht. Beim dritten Gegentor schmerzt es mich, und ein vollkommen unangebrachtes Fuck entfährt mir. Fußball ist eine emotionale Angelegenheit, auch wenn man keine Fußballmutti ist. Eigentlich.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, das ist bekannt. Unsere Mannschaft ruht sich für einen Moment auf der Decke unter dem Zelt aus. Eine Mutter ordnet Trinkflaschen zu, schaut ein bisschen aus wie Memory. Auch Weintrauben werden gereicht, Trostpflaster geklebt, alles ganz unaufgeregt und leise. Umso lauter ist der Trainer zu hören, der im Fort nebenan auf seine Schützlinge einhämmert. Das hier ist kein Selbstgänger, zischt er einem Kind zu, warum wohl habe ich Dich ausgewechselt?
Es geht weiter. Auch das nächste Spiel läuft bescheiden. Heute ist der sogenannte Wurm drin. Auch als nicht geübte Fußballmutti kann ich das sehen. Schließlich habe ich fast jedes EM-Spiel mit meinem Sohn geschaut. Und, was soll ich sagen: ich habe mich nicht gelangweilt. Nun beginne ich mich doch ein wenig zu ärgern, dass unser Trainer so zurückhaltend ist. Dass er die Jungs nicht antreibt. Ihnen nicht sagt, wie sie sich aufstellen sollen. Dass sie dem Gegner auf die Pelle rücken müssen. Dass das Spiel auch auf der anderen Hälfte des Platzes stattfinden kann. Pressing und so. Aber nix davon passiert. Abpfiff.
Drei Spielerfrauen kommen vorbei. Sie haben ihre eigenen Trikots an: Bauchfreie Tops, kurze Shorts, zwei dünne, schnurrgerade geflochtene Zöpfe fallen ihnen über den Rücken. Eben noch tragen sie Lipgloss auf, dann werfen sie abschätzige Blick in Richtung Gegner. Ihre Gegner: das sind quasi alle außer der Heimmannschaft. Also echt viele. Stört sie aber nicht, sie wirken geübt im Schmale-Augen-Machen. Rein von der Höhe her würde ich sagen: die Mädchen sind 11, vielleicht 12. Kann aber auch sein, dass es sehr, sehr kleine 16jährige sind. Ich hab Dich gefragt, ob Du Ehre hast!, unterbricht eine aufbrausende Stimme hinter mir meine kruden Gedanken. Unklar ist, wer da mit wem spricht. Ich drehe mich nicht um und hoffe auf Herrchen mit Hund.
Es geht weiter für uns. Auch Spiel drei wird eine deprimierende Angelegenheit. Bisher haben unsere Jungs nur Gegentore kassiert. Dabei hält der Torwart die meisten Abschlüsse auf. Nur eben nicht alle. Die Abwehr ist zu schüchtern und das Mittelfeld quasi nicht vorhanden. Und wo zum Teufel steckt eigentlich unser Stürmer? Noch ein Spiel, dann ist die Vorrunde gelaufen. Dann steht nur noch ein einziges Spiel für uns an: das um den vorletzten Platz. Herrje, damit habe ich nicht gerechnet. Die Saison ist doch so gut gelaufen. Jedes Spiel haben unsere Jungs doch haushoch gewonnen. Oder waren die anderen Mannschaften vielleicht nur unfassbar schlecht? Solche Gedanken treiben ihr Unwesen in meinem sonnenverbrannten Hirn. Vielleicht ist es Zeit für eine Grillwurst. Trotz der Hitze. Denn: soll man nicht Wärme mit Wärme bekämpfen? Wer hat das noch gesagt? Trump wahrscheinlich.
Die Schlange vor dem Grill ist lang. Ich stehe in der prallen Sonne und gerate so richtig ins Schwitzen. Hinter mir Väter, die von ihren eigenen Siegen erzählen: vor 25 Jahren. Vor mir Eltern, die ihr Kind anraunzen, weil das Spiel nicht so gut lief. Neben mir welche, die ihren Sohn pushen, als ginge es immer nur darum zu glänzen. Kann mich nicht entscheiden, was doofer ist, und vergesse lieber ganz schnell, was ich vor fünf Minuten selbst noch gedacht habe. Bestelle meine Wurst mit viel Senf, um einmal ordentlich durchzulüften im Stübchen.
Die Wurst ist saftig und schön braun gebraten. Rede mir ein, dass sie Bio ist, und beiße genüsslich ab. Unten hüpfen zwei Mütter am Spielfeldrand um die Wette. Tooor, Tooooor! Ich bin nicht neidisch. Echt nicht. Stellvertreterstolz ist meine Sache nicht. Insgeheim mache ich mir Sorgen. Wie wohl die Heimfahrt wird? Die Laune wird im Keller sein bei unserem Jüngsten. Meine sanften Worte wird er nicht wollen, das kenne ich schon. Denn Trost zu geben, das brauche immer nur ich. Eigentlich bin ich es, der es schwer fällt zu akzeptieren, dass auch er mal durch die Traufe gehen muss. Dass er dann einfach nur Ruhe braucht. Und dann ist ja auch wieder alles gut. Bin plötzlich froh, dass wir später noch das EM-Endspiel vor uns haben. Das wird uns ganz sicher den Abend versüßen nach einem versalzenen Nachmittag. Denke ich da noch.
Mittlerweile ist es halb drei. Wimpelketten wippen müde im Wind. Der Ketchup ist aus. Waffeln gibt es auch keine mehr. Auf dem überdimensionierten Siegertreppchen liegen Geschwisterkinder in der Sonne wie Robben auf einer Sandbank. Nachmittagstief. Da gellt ein ohrenbetäubender Pfiff über den Platz. Die letzten Spiele stehen an.
Das vierte Spiel für Hellblau war ein Unentschieden, immerhin. Unsere Jungs sind wieder guter Dinge. Lachend betreten sie den Platz, doch noch einmal läuft es anders als erwartet. Heute ist das eben so. Und irgendwie hat es auch etwas für sich. So pädagogenkluggeschissen das auch klingt. Denn wie denn, ja wann denn sollen unsere Kinder, sollen wir Eltern lernen, dass es auch mal schlecht läuft für sie im Leben. Dass das dazugehört: verlieren. Dass das aber rein gar nichts macht. Weil es weitergeht. Immer. Und es ist komisch. Obwohl niemand einen Bohei um unserer Jungs gemacht hat in den letzten Stunden, gehen sie erhobenen Hauptes vom Platz. Sie nehmen sogar ihren Torwart hoch und tragen ihn ein Stück des Weges auf ihren Schultern: weil er heute so gut gehalten hat. Für sie ist er der Player of the Match.
Der DJ dreht noch einmal die Musik auf und animiert die Gruppen. Gemeinsam fuchteln die Jungs mit den Armen und schwingen die Hüften. Irgendeinen Move aus einem Videospiel, das ich nicht kenne. Mein Sohn auch nicht. Er steht mittendrin, schaut zu und sieht dabei ganz zufrieden aus. Die Musik neigt sich in Richtung Ballermann, eine schlumpfige Stimme singt was von Bier, aber das soll weiter nicht stören. Denn jetzt geht es um etwas Größeres: jetzt gibt es Medaillen. Hellblau wird aufgerufen, unsere Jungs sind auf dem letzten Platz. Weil sie die ersten sind, die heute nach vorne kommen, haben die Eltern noch Energie in den Händen und spenden einen tosenden Applaus. Die Laune ist bei allen gut, Medaillen werden um Hälse gehängt und dann werden Fotos gemacht. Plötzlich schwappt die Laune über. Ich weiß nicht wer, aber einer rennt vor und die anderen folgen. Sie alle stellen sich für den Fotografen auf das Treppchen, auf die Stufe mit der 1. Das sind unsere Jungs! Das Publikum johlt. Kein Brunftgeschrei ist zu hören, dafür echte Freude. Nach und nach machen das nun alle Mannschaften, scheißegal, was die Punktzahl sagt.
Zu guter Letzt erhalten die drei Unparteiischen zum Dank eine Mettwurst. Während ich mich noch frage, was denn mit den vegetarischen, veganen oder sonst wie gelagerten Schiris ist, tragen sie das längliche, knüppelhart Ding stolz vor sich her und sind schon auf dem Weg in die Kabine. So ist das eben im Fußball. Hier geht’s um die Wurst.