Achtsamkeitsdings - Part two

Tag 2

Wache spät auf, und das ist gut. Der halbe Tag ist schon verschlafen. Nehme mir vor, mein Frühstück auf dem Street Food Market einzuwerfen und danach auf den Flohmarkt zu gehen, denn so macht man das am Sonntag in der Großstadt, und also auch ich. Draußen ist es grau. Sitze allein an einer Bierbank und arbeite mir einen Zucchiniburger rein. Er ist fettig und schmeckt dank des Briochebrotes süßlich. Nicht unbedingt lecker, aber genau das richtige auf einen Kater. Verirre mich auf dem Weg zum Flohmarkt. Bin nicht so richtig in the mood, aber renne trotzdem dreimal durch alle Gänge und kaufe was für die Kinder. Und nun? Bin froh, dass ich gestern in der Bar noch B. geschrieben habe. Sie ist nicht verreist, und wir sind später verabredet. Noch aber habe ich  Z e i t.  Gedankenverloren zieht es mich auf einen Spielplatz. Umgeben von Kindern und Müttern, sitze ich auf einer freien Bank. Bin froh, dass ich mein Notizbuch dabei habe. Sonst wäre ich ein echter Freak.

Nach einer gefühlten Ewigkeit muss ich los. Waren aber nur 30 Minuten. Irgendetwas stimmt nicht mit meiner inneren Uhr. In der U-Bahn ist mir gleich wohler. Es ist rappelvoll, aber das stört mich nicht. Ich treffe B. mit Mann und Kind, gemeinsam wollen wir die Welt retten. Oder zumindest ein bisschen was rufen. Vor der CDU-Zentrale ist kaum was los, aber alles ist abgesperrt und voller Polizisten. Es ist gespenstisch still. Plötzlich rollt die Lawine an. Erst hören wir nur ihre Parolen, dann kommen die Massen auf uns zu. Sie recken Plakate in die Luft und Lichterketten. Zaghaft stimme ich mit ein. Es dauert, bis ich es fühlen kann. Nicht nur die Message, die ja richtig ist, ohne jede Frage. Aber auch: Ich bin hier und ein Teil vom Wir. Die Stimmung ist gut. Die Energie der Masse lässt mich beben. Wir rufen und singen und liegen uns in den Armen. Okay, wir rufen und singen.

Nach getaner Arbeit geht es zu B. Ich habe mich selbst zum Essen eingeladen und werde verköstigt wie zu Kaisers Zeiten. Knödel und Rotkohl und Hühnerschenkel, danach gibt es Sachertorte. Wie gut es ist, beisammen zu sein und gemeinsam zu speisen. Aus all den richtigen Gründen.

Tag 3

Die Sonne weckt mich. Mache das Fenster auf und lasse die Stadtluft herein. Es ist erstaunlich leise dafür, dass ich an einer vierspurigen Straße wohne. Ich beobachte eine Frau, die versucht, irgendetwas loszuwerden, das unter ihrem Schuh klebt, vielleicht ein Kaugummi. Sie will es jedenfalls nicht anfassen und legt einen ansehnlichen Tanz hin. Als die Straßenbahn kommt, kann ich sie nicht mehr sehen und gehe duschen. Heute habe ich mir Shopping auf meine okay! doch nicht ganz leere Liste gesetzt. Nicht, dass ich gern shoppe. Schon das Wort regt mich auf. Als wäre Konsum ein Hobby. Aber weil es da, wo ich lebe, keine anständigen Läden gibt (Vintage, Second Hand) gehe ich heute los. Schon auf dem Weg zum zweiten Laden habe ich keine Lust mehr. Ich rufe eine alte Freundin an, die nur noch halb in der Stadt wohnt. Sie! Ist! Da! Kann man Glück kaum fassen. Ich kann sofort kommen. Klappt ja wie am Schnürchen, meine selbstverordnete Einsamkeit.

Beschwingt gehe ich nach Käffchen und Kuchen in Laden Nummer zwei und drei und laufe bis in die Dämmerung hinein durch lauter schöne Geschäfte. Keine Ketten wohlgemerkt, alle mindestens so individuell wie. Genau. Ich.

Zum Abendessen bin ich wieder verabredet. Weiß auch nicht, wie ich das mache. Eigentlich ist doch niemand da. M. und ich wollen gemeinsam zum Syrer gehen. Ich bin zu früh und bestelle mir schon mal einen Wein. Im Restaurant ist es laut. Eine größere Frauengruppe feiert ein Fest. Ich setze mich erst weiter weg, dann doch in ihre Nähe. Als ich vom Klo komme, ist auch mein Tisch okkupiert. Die Frauen wollen mich einladen, gemeinsam mit ihnen zu essen. Ich lehne ab, denn gleich kommt M. Freue mich trotzdem. So etwas passiert nur denen, die sich treiben lassen.  War das nicht irgendwann einmal der Plan?

Tag 4

Heute bleibe ich lange im Bett, obwohl draußen die Sonne scheint. Will ein bissel was schreiben, und das mache ich gern gut gefedert. Habe mir vorgenommen, später noch eine Ausstellung zu besuchen. Titel: How we live. Genau mein Thema. Mochte es schon immer, bei anderen in die Bude zu schauen. Zum Beispiel dem Typen gegenüber. Immer, wenn ich A. besuche, muss ich gucken, was der treibt. Liegt vielleicht daran, dass er der Bassist einer bekannten Band ist und in einem ansehnlichen Glaskasten wohnt. Heute sitzt er nackt auf einem Barhocker, während seine Putzfrau die Schranktüren poliert. Wie bekloppt gestikuliert er ausladendend mit den Armen. Vielleicht will er ihr zeigen, wie sie wischen soll. Überlege: ist vielleicht doch nicht seine Putzfrau.. Oder er nicht der Bassist.. Vielleicht hat die Putzfrau ihren Lover mitgebracht. Diese Antwort stimmt mich zufrieden, und ich schaffe es, mich zu lösen.

Komme zügiger in der Ausstellung an als gedacht. Die Werke sind kinky und laut und weniger abwechslungsreich als angenommen. Eine Weile bin ich gut dabei, dann reicht es mir und ich verabschiede mich bei niemand. Merke, dass Kunst allein nur halb so gut ist. Gemeinsam durch eine Ausstellung zu schlendern und sich über das oft sehr unterschiedliche Erleben auszutauschen, ist um Längen anregender als – (genau). Habe jetzt jedenfalls noch viel Zeit, bevor ich zu L. fahre. Denn zum Abendessen bin ich mal wieder (!) verabredet. Setze mich in ein Café und warte. Zum Glück gibt es am Handy genug zu tun. Überpünktlich komme ich bei L. an. Werde abermals hervorragend verköstigt. Die Gespräche sind anregend, so dass ich fast die letzte Bahn verpasse. Übereilt breche ich auf und freue mich, einfach so, auf den nächsten Tag.

Tag 5

Aber dann: BÄMMM! Die Einsamkeit haut voll rein. Es ist erschreckend ruhig, und ein langer Tag liegt vor mir. Alle Freunde, die nicht verreist oder sonst wie verhindert waren, habe ich abgefrühstückt und zwischendurch die Stadt beglotzt. Das war gut. Heute nun bleibt nichts und niemand nach. Wirklich? Schon springt die Mühle wieder an. Zwei, drei, sogar vier Namen ploppen noch immer auf. Gut, lang ist es her, aber.. HALT! STOPP! War das nicht mein Plan: allein zu sein, für eine ganze Woche? Einfach mal die Dinge ganz ungebunden tun? Ohne Rücksicht auf – ? Glückwunsch, heute ist mein Tag!

Zu blöd, dass die Sonne nicht scheint. Das würde mir schon etwas helfen. Aber nein, es ist grau. Beschließe, schön lang im Bett zu bleiben und ordentlich was wegzuarbeiten. Das wird ja wohl noch erlaubt sein, oder? Aber schreiben kann ich eben nicht unendlich. Nach einer gewissen Zeit flutscht es nicht mehr. Dann ist es ratsam aufzuhören. Was nun? Lesen vielleicht? Die Wochenzeitung habe ich noch nicht angerührt, und auch nicht mein Buch. Chillen kann ich zuhause besser (Sehnsuchtsseufzer). Yoga fällt mir noch ein, aber ich habe die Matte nicht dabei und irgendwie auch keine Lust, den Hund zu machen. Lieber sollte ich Gassi gehen, mit mir selber. Ich ziehe mich an und nehme mir vor, in meinen alten Kiez zu fahren, schlendern. Und später dann zum Japaner, vielleicht noch ins Kino oder irgendwas markieren. Wuff!

Eiligen Schrittes laufe ich die mir vertrauten Straßen ab. Merke, wie gern ich das mit Henrik machen würde. Was uns alles einfallen würde, gemeinsam. Nie reicht die Zeit für das, was wir unternehmen wollen. Aber so? Und wie gesagt, es ist grau. Besuche einen Buchladen, den besten der Stadt. Betrachte jedes Cover einzeln. Gehe wieder. Ist immer noch früh. Strebe zielsicher dem Kino entgegen, dabei beginnt der Film erst in drei Stunden. Komme an meinem Lieblingsjapaner vorbei. In krakeliger Schrift steht Heute geschlossen an der Tür. WTF.

Ziehe den Kunstverein in Betracht, der ganz in der Nähe ist. Guter Ort, imposantes Gebäude. Sehe schon von weitem das Ausstellungsplakat: The End of the World. Was soll’s, denke ich, passt doch gut. Freue mich regelrecht, jetzt mal negativ verstärkt zu werden. Könnte helfen. Komme an der Kasse an. Es stellt sich heraus, dass die Ausstellung gerade abgebaut wird, das Plakat jedoch noch hängt. Mein Gott. Ist das Karma? Sogar das Ende der Welt hat keinen Bock auf mich.

Bis zum Kino vertreibe ich mir die Zeit im Café neben. Die meisten Tische sind nur von Einzelpersonen besetzt, ich bin also in guter Gesellschaft. Der vegane Burger ist hervorragend, die Bedienung keine Spur arrogant und im Hintergrund läuft Jazz. Gar nicht mal so übel. Außer, dass es enorm kalt ist. Kein Wunder, das Café ist in der Werkshalle einer alten Brauerei, die Decke ist sicher 20 m hoch. Ich ziehe meinen Schal und dann noch die Handschuhe an. Sitze wie ein Hobo vor meinem leeren Teller. Frierend, wartend. No place to go. Als die Kälte zu beißen beginnt, gehe ich mit Sack und Pack hinaus und laufe durch die dunklen Straßen, bis es spät genug ist für den Film. Im Kinosaal ist es muckelig warm, die Sessel sind wunderbar plüschig. Schaue A Real Pain.

Tag 6

Wache übel gelaunt auf. Mein Plan geht und geht nicht auf. Sollte ich nach Hause fahren? Der Rest der Woche ist für die Katz, wenn jetzt nicht noch was passiert. Zumindest so was wie eine bahnenbrechende Erkenntnis. Sehe überhaupt nicht mehr ein, warum es wichtig sein könnte, sich in Einsamkeit zu üben. Einswerden: schön und gut. Aber ohne jede Verbindung zu anderen? Nö und nochmals nö. Denn genau das ist es, was mir dieser Tage fehlt. Sobald ich die Wohnung verlasse und mitten hineintrete zwischen 3,8 Millionen. Keiner von denen erwartet mich.

Nun aber habe ich noch anderthalb Tage, und weil die Zeit sich dem Ende neigt, werde ich plötzlich versöhnlich. War ja gar nicht schlecht die Woche. Im Grunde eigentlich ein voller Erfolg. Ich muss nur die Vorzeichen, sprich: die Überschrift ändern. Bin allerdings noch nicht sicher, in was.

Nachmittags besuche ich erneut eine Ausstellung. Still-Moving, Porträts der niederländischen Fotografin Rieneke Dijkstra. Der Titel der Schau hält, was er verspricht. Die Arbeiten sind bewegend. Das Bild einer Mutter, die in der Stunde nach der Geburt ihr Baby hält, verpasst mir einen Schlag direkt in die Magengrube. Das ist es. Genau das. Was wir alle brauchen. Die Bedingungslosigkeit, von der diese Aufnahme erzählt, ist von überwältigend-schöner, schmerzhafter Klarheit. Ich wende mich ab und nehme das Gefühl mit. Dann treffe ich meine Freundin P., die ich seit über 20 Jahren kenne und die zufällig auch die Stadt besucht. Wir verbringen einen wunderbaren Abend in familiärer Vertrautheit.

Tag 7

Letzter Tag. Muss vor meiner Abreise noch die ein oder andere Vorbereitungen treffen: ein Dankeschön für meine Freunde, ein Mitbringsel für die Kinder, ein bissel putzen. Bin beschäftigt bis tief in den Nachmittag hinein. Beeile mich kein Stück, dabei will ich noch eine letzte Ausstellung besuchen, bevor es nach Hause geht – schließlich gibt’s in Sachen Kultur nicht viel zu holen, da wo ich lebe. Gemütliche mache ich los und lasse mich von Straße zu Straße treiben. Laufe schließlich an dem Ausstellungshaus vorbei und schaue mir lieber die Streetart an, die hier an jeder Ecke zu finden ist. Die Luft ist kühl und klar wie mein Kopf.

Zum Abendessen treffe ich D., der wieder gesund ist. Ich bin froh, so viele gute Leute zu kennen, mit denen ich gern meine Zeit verbringe. Nach dem Essen ziehe ich weiter. P. hat mich zu ihrer Performance eingeladen. Ich schaue ihr dabei zu, wie sie sich zu den Klängen eines Schlagzeugers und einer Licht-Soundkünstlerin durch den Raum bewegt. Es ist unklar, wer von den Dreien hier wem etwas vorgibt. Sie alle agieren und reagieren, sind miteinander verwoben und doch für sich allein. Zum Abschluss wird das Publikum eingeladen, seinen Körper erklingen zu lassen. Ich schließe die Augen. Gemeinsam heben wir zu einem gewaltigen Summen an, das in Wellen auf- und absteigt. Eine treibende Kraft, mal von mir ausgehend, mal anderen folgend, die uns zu Verbündeten macht, uns vereint. Als wir ausgesummt haben, bin ich innerlich ganz ruhig. Ich unterhalte mich noch eine Weile, und als ich keine Lust mehr habe, gehe ich nach Hause. Am nächsten Morgen verlasse ich bei strahlendem Sonnenschein die Stadt. Habe keine bahnenbrechende Erkenntnis im Gepäck, aber haufenweise gute Begegnungen. Finde das ganz in Ordnung so. Ciao, Du Hauptstadt meines Herzens. Ich fühl‘ mich gut. Ideal im Grunde.