Achtsamkeitsdings - Part one

Tag 1

Vier Tage vor der Abreise werde ich unsicher. Gar nicht leicht, so eine Woche vor sich zu haben. Sich überhaupt auf den Weg zu machen. Alles, wirklich alles hinter sich zu lassen. Lächerlich! sagt Henrik, der Mann, mit dem ich verheiratet bin. Und weiter: Du fährst doch nur nach Berlin. 356 km Luftlinie. Wenn‘s hoch kommt vier Stunden Fahrt. Stimmt ja! winsel ich. Aber so lange am Stück,  s i e b e n  Tage und  s i e b e n  Nächte, im Grunde also zwei Wochen OHNE DIE KINDER. Was mach ich da bloß?!

Ist wohl mehr so‘n Muddi-Ding. Dass man nach einer gewissen Zeit des sich-um-die Belange-anderer-Kümmerns gar nicht mehr klarkommt auf einen leeren Tag, der früher doch immer so köstlich vor einem lag. Henrik jedenfalls kennt das nicht, dabei macht der das ja auch: Kochen. Putzen. Kümmern. Innerlich aber ist er frei. Ganz toll, wirklich.

Bevor ich an einem Samstag in den Bus steige, setzte ich noch eine Nachricht an meine Freundin J. ab. Ein schlankes Ohm. Sie versteht das schon, denn sie hat Ähnliches vor diese Woche. Zwar ist das Paket bei ihr ein, zwei Nummern größer. Und auch: stiller, weiter. Aber letztlich geht es um dasselbe. Wir beide wollen wieder Einswerden mit uns und der Welt. Einfach mal nix müssen. Nur schlafen. Essen. Atmen. Und dann: loslassen. Zugegeben, die Orte unserer Meditation könnten unterschiedlicher kaum sein. J. besucht ein Yoga-Retreat in der marokkanischen Wüste. 

Da, wo keine Ablenkung ist, geht das vielleicht leichter: Einswerden. Nur, ich will nicht so ein gemeinsames Achtsamkeitsdings. Und außerdem: in der Wüste kann es verdammt heiß sein und dann wieder kalt und der ganze Sand erst. Das lenkt ja auch ab. Dann lieber das Hintergrundrauschen der Großstadt. Herrlich! Ich nehme mir vor, mir einfach mal nichts vorzunehmen, und zwar  ganz konkret.  N I C H T S  steht groß auf meiner vollständig leeren Liste. Der Bus schnurrt über die Autobahn. Ich schiebe das Handy in die Tasche. Klappt soweit.

Dann steige ich um in den Zug, und plötzlich beginnt es gehörig zu rattern. Nur, das kommt nicht von den Schienen. Ich überlege: wen kenne ich noch, der vielleicht da ist? Denn die Berliner haben Ferien, und die meisten meiner Freunde sind ausgeflogen. Eilig stopfe ich das Handy tiefer in die Tasche  und atme ein bissl meditativ, um mich neu auszurichten. Die Gruppe hinter mir drängt sich auf. Laut tauscht sie sich über die Ereignisse der letzten Wochen aus. Bei Evelyn war die Feuerwehr, dabei hat‘s gar nicht gebrannt. Außerdem wurden die Hühner von Carsten gerissen, und Sabine hat einen Marder aufm Dach. Ständig lachen sie, dabei sind ihre Geschichten nicht sonderlich witzig. Vermutlich sind sie einfach gern.. zusammen.

Ich stiere aus dem Fenster. Draußen zieht die Natur vorbei. Das Licht ist trübe, aber nicht trist. Ich sehe eine Gruppe Hochlandrinder, sie schnauben und dampfen eng aneinandergedrückt. Drei Rehe springen ausgelassen über ein frostiges Feld. Zwei Kraniche führen ein melancholisches Gespräch auf einer sumpfigen Wiese. Und dann ein kahler Baum, dessen Äste einen gewaltigen Fuckfinger in die Luft recken. Denke: Ehrlich, was soll der Scheiß! Greife nach dem Handy und setze ein paar Nachrichten ab. Wäre doch voll gut, endlich mal wieder T. und D. und auch U. zu treffen. Dann schließe ich ein bisschen die Augen. 30 Minuten später habe ich zwei Absagen (Urlaub, Grippe) und eine Verabredung in der Tasche. Na bitte. Draußen, am Horizont zeichnet sich ein schmaler, goldener Streifen ab.

Noch einmal muss ich umsteigen, und diesmal heißt es warten. Der Bahnsteig ist wie leergefegt. Ich sitze auf einer Bank und klammere mich an meine Handtasche. Sogar den Druckknopf habe ich sorgfältig verschlossen. Denke an meine Tante, die auch immer so dasaß. Als wisse sie nicht wohin mit sich. Das ist lächerlich. Schiebe meine Verkrampfung auf die Kälte und mache mich nur geringfügig locker.

Der Zug rollt pünktlich ein, es geht weiter. Aus Gründen der Tiefenentspannung habe ich heute die Regionalbahn gewählt. Der ICE regt mich zu sehr auf. Passiere Ortschaften, die Grieben oder Plüschow heißen. Gerade werde ich schläfrig, da kündet der Schaffner in schnoddrigem Dialekt die Stadt meines Herzens an. Ich steige in die S-Bahn um. Eine Frau, Berliner Original, setzt sich zu mir. Sie zeigt auf eine knospende Pflanze, die weiter hinten im Wagen ebenfalls mitfährt, allein. Ob die wohl auch ein Ticket hat? Sie lacht heiser. Jau!

Ich darf bei Freunden wohnen, die verreist sind. Wuchte meinen Koffer in den 6. Stock und mache mich erstmal lang. Während ich versuche, die Müdigkeit aus den Knochen zu vertreiben, schmiede ich einen Plan für die Nacht. So ganz ohne Gerüst geht es eben nicht. Sonst laufe ich Gefahr, einfach nur liegen zu bleiben, und das hätte ich ja auch zuhause haben können. Bin fest entschlossen, es mir heute so richtig zu zeigen, und  A L L E I N  in einen Club zu gehen. Crazy. Nach einer Stunde aufgeregten Rumliegens (nix mit Vorschlafen), mache ich mich fertig und hüpfe zwischen Koffer und Spiegel auf und ab. Tanze mit der Pulle Sekt, die meine Freundin A. (Herz-Emoji!) mir hingestellt hat, zu den Beats aus dem Küchenradio. Geil. Wie in alten Zeiten.

Ich ziehe los. Streife durch die nächtliche Großstadt und grinse debil. Fahre S-Bahn, U-Bahn, Tram und kriege bei dem Sound der sich schließenden Türen (Düüüüüh-Düüüh) beständig feuchte Augen. Mir ist so warm ums Herz. Kann es sein? Bin schockverliebt in eine Großstadt.

Komme in der Bar von meinem Freund T. an. Der Tresen, an dem ich lümmeln will, ist schon gut voll. Ich quetsche mich dazwischen. Ungefragt stellt T.  mir meinen Lieblingsdrink hin. Mein Gott, wie gut es ist, Freunde zu haben! Weniger wegen der Pulle Sekt und der Wohnung, die ich nutzen darf. Auch nicht, wegen dem Paloma vor meiner Nase. Eher, weil sie mir zeigen, willkommen zu sein. Weil sie mich kennen und mögen, trotz meiner Marotten. Schon wieder verirrt sich etwas Wasser in meine Augen. Schlimm. Bin ein echter Waschlappen.

T. hat ordentlich was zu tun und kaum Zeit, ein paar Worte zu wechseln. Aber das ist okay. Das ist der perfekte Einstieg in eine Woche, die ich ohne andere Menschen verbringen will. Warum eigentlich nochmal? Auch schon egal. Ich habe Stift und Papier dabei und mache mir eifrig Notizen. Sieht sicher interessant aus. Ich schreibe und trinke und tippe noch ein paar Nachrichten. So fleißig am Handy bin ich sonst nie. Fühle mich komplett wohl und gar nicht weird, so ganz allein. Bin vollständig cool mit mir. Und ja, natürlich kenn ich den Barkeeper. Er ist der Beweis für meine ausgewiesene Coolness.

Die Plätze neben mir werden frei, und ich komme mit dem Typen ins Gespräch, der drei Barhocker weiter sitzt. Ungefragt und eine Spur zu schnell rücke ich mit Drink, Stift und Papier auf. Huch. Wir unterhalten uns eine ganze Weile über die Vor- und Nachteile einer polyamourösen Partnerschaft (mehr die Vorteile). Bin full on und immer noch schwer begeistert von meinem Leben als Großstadt-Ich. Linkerhand gesellt sich ein weiterer Gast hinzu, ein Tätowierer aus meinem alten Kiez. Außerdem eine Frau, die sich kaum zu Wort meldet. Sie ist trotzdem irgendwie dabei in dieser spontan entstandenen Tresen-Konstellation. Ich hadere mit mir. Es ist bald zwei, und der Club meiner Wahl ist am anderen Ende der Stadt. Gehe auf die Toilette und ziehe den Lippenstift nach. Versuche mir beschwörend in die Augen zu blicken, doch der Spiegel ist zugetaggt. Reiße mich dennoch zusammen. Am Tresen klatsche ich ab und gehe raus in die kalte Nacht. Ich mach das jetzt. Ich geh jetzt steil.

45 Minuten später komme ich an. In der Ringbahn war’s gemütlch warm, und ich bin müde. Mache ein Selfi unter der Bahnhofsuhr: Morgens, halb 10 in Deutschland (spiegelverkehrt). Habe üble Augenringe. Sehe aus, als würde ich aus dem Club kommen. Stattdessen gehe ich hin. Damn it. Höre den Laden schon von weitem. Statt chilliger Elektrobeats wummern Technobässe aus den Ritzen. Puh. Die Schlange vor dem Eingang ist lang. Ich überschlage: wird sicher nochmal 45 Minuten dauern. Taxiere die Wartenden. Hauptsächlich Raver. Unendlich viel jünger und unendlich viel fitter als ich. Bringe es nicht übers Herz, mich einzureihen. Warum auch. Bin etwas zu alt, die Dinge nur durchzuziehen, weil sie auf meiner Bucketlist stehen. Nö. Schleiche erhobenen Hauptes zurück in die kuschelige Ringbahn und bin halbwegs okay damit, jetzt nicht steil zu gehen.