Von der Bedingtheit des Schreibens
Ein Satz ist wahr, wenn er einen Punkt hat, hatte ich mal geschrieben. Es war der Anfang für das Manuskript, an dem ich arbeite. Ich fand das gut, weil der Satz so harmlos daherkommt und doch (ohne mit der Wimper zu zucken) eine Unwahrheit enthält. Dann aber hat die Gegenwart diesen Satz eingeholt. Denn mittlerweile ist es Usus, dass Menschen in Positionen, von denen man dies früher nicht erwartet hätte, ganz offenkundig Unwahrheiten in Sätze legen, die einen Punkt haben. Und es ist Usus, dass Menschen (ohne mit der Wimper zu zucken), den offensichtlichsten Unwahrheiten glauben. Der Satz, den ich hatte schreiben wollen, hat deshalb seine Unschuld verloren. So ist das mit den Sätzen. Sie laufen Gefahr, von der Gegenwart eingeholt zu werden.
Seit ich vor viereinhalb Jahren begonnen habe zu schreiben, befinde ich mich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Sie ist zu schnell geworden für das Tempo, das ich an den Tag lege. Es ist das Tempo einer anderen Zeit. Für so ein Tempo wird man heute ausgelacht. Die Permanenz (als Zustand der Verfügbarkeit) und die Gleichzeitigkeit der Dinge (der Geschehnisse) ermatten mich. Das ist kein sonderlich arges Problem, ich weiß das. Es gibt ganz andere, weitreichende Krisen. Es erscheint mir dennoch erwähnenswert.
Ich weiß, dass es nicht möglich ist, das Leben, das wir einst führten, zurückzuerhalten. Wir sind Menschen unserer Zeit, und die Zeit samt ihrer Erscheinungen ist nicht umkehrbar. Der Mensch aber ist anpassungsfähig. Er passt sich seiner Zeit an. Er rennt den Erscheinungen hinterher, er holt sie stets nur beinahe ein. Man nennt das Fortschritt. Menschen, die das nicht können, gelten als gestrig. Ich aber bin nicht gestrig. Ich bin ein moderner Mensch. (Das ist wahr, weil der Satz einen Punkt hat.) Aber ich sehne mich nach dem Leben, das wir einst führten. Das Tempo – die allseitige Dauerbeschallung und das fehlende Nacheinander: wie soll ich mich da auf das Leben konzentrieren? Erst recht: auf meine Sätze?
Interessanterweise sind die Sätze selbst der Ausweg. Sie sind wie ein Gegenentwurf zu den Erscheinungen unserer Zeit. Im Schreiben bin ich der Permanenz und der Gleichzeitigkeit – dem Zeitlichen – entkoppelt. Das ist der Grund, weshalb ich schreibe. Im Schreiben bin ich, und ich bin das Schreiben. Mehr ist es nicht, und das ist alles.
Nicht zu schreiben ist keine Option.
Die Sätze, die durch meine Finger gleiten und auf dem Papier erscheinen (das kein Papier ist, sondern ein Bildschirm, aber das klingt ja nicht) sind reiner als die Worte, die den Weg über meine Zunge nehmen. Gut möglich, dass es dran liegt, dass ich intuitiv schreibe. Dass ich keine Geschichten erzähle. Dass mein Gegenstand das Wahrhaftige selbst ist: das wahrhaftige Selbst. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist es innezuhalten und zu lauschen. Hierfür braucht es Stille. Bestenfalls die vollkommene Abwesenheit eines Außen. Ein Zustand, der ob der Permanenz des Rauschens und der Gleichzeitigkeit der Dinge kaum mehr herzustellen ist. Fünf bis sechs Stunden am Tag sitze ich an meinen Sätzen, maximal. Hochkonzentriert und in nur kleinen Schritten geht es voran. Dann kommen die Kinder aus der Schule und ich höre damit auf. Scheinbar. Innerlich jedoch geht der Prozess weiter. Auch in der Zwischenzeit. Auch in den Stunden, in denen ich nicht – für alle sichtbar – über meinen Sätzen sitze. Nun gilt es, den Zustand zu halten. Einen Zustand, der sich wie eine Klammer um den Sinn legt und den Unsinn ausschließt. Um diesen Zustand nicht ganz zu verlieren, versuche ich meinen Alltag so low wie möglich zu gestalten. Zu viel Input verunklart die Richtung. Obgleich das Außen eine Notwendigkeit ist, auch im Schreiben. Die Dinge, die mir begegnen, stoßen Prozesse an. Es ist das Zuviel, das den Sinn verwirbelt. Die Konzentration, die es braucht, um den Zustand zu halten (die Klammer), schaffe ich nur selten bis in den nächsten Morgen zu tragen. Die Tage, in denen es gelingt, sind die Ausnahme. Wie auch sollte das gehen: so, wie wir leben? Nicht wir vier. Nicht ich und die Meinen. Wir alle. Heute.
Obwohl wir (wir vier. Ich und die Meinen) vor einigen Jahren von der Stadt aufs Land gezogen sind. Obwohl ich den Wind durch die Gräser streichen sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue: eine Bewegung als wäre das Feld ein Meer. Obwohl ich den Tieren in meiner Umgebung lauschen, sie in nur geringer Entfernung beobachten kann. Bleibt die Natur (das Zeitlose) außen vor. Wie gegenseitige Besucher in parallelen Zoos sind wir zu Gast in unser beider Welten. Ich sehe die Tiere, wie sie über die abgezirkelten Felder stoben. Manchmal bleiben sie stehen und blicken zurück. Als wunderten sie sich tatsächlich über den Zustand der Welt. Als suchten auch sie nach einem Ausgang.
Und doch ist es nicht die Zeit selbst, so wie es nicht die Natur ist oder die Stadt. Wir sind es. Natürlich. Immer nur wir.
Wenn ich nicht aufpasse, verliere ich mich
in dem Gefühl der Überforderung. Sogar hier draußen, inmitten der Natur. Inmitten der Zeitlosigkeit. Dreht sich das Rad schnell und schneller. Hat sich etwas verkehrt. Draußen lauert das Frühjahr, es ist zum Zerbersten schön. Blühten schwellen und platzen, alles grünt. Meine Laune ist auf dem Nullpunkt. Der Text ist noch längst nicht fertig, aber das Unkraut wuchert, als wüsste es, was ich brauche. Der Text ist ihm scheißegal. Ich muss da raus, ob ich will oder nicht. Und ich will nicht. Alles in mir will nicht. Ich gehe trotzdem, ich muss. Unbeholfen zupfe ich an zwei, drei Stängeln und hoffe, dass mich keiner sieht in meiner Überforderung. Das Zeug wächst schneller als ich zupfen kann. Ohnehin habe ich noch anderes zu tun. Renne von links nach rechts und verlaufe mich zwischen den Möglichkeiten. Was zuerst? Statt weiterzuzupfen, beginne ich, den Stuhl abzuschleifen, den ich schon seit Monaten bearbeiten will. Merke, dass das Schleifpapier zu fein ist, gehe nochmal in den Schuppen, greife stattdessen zur Gartenschere, will eben kurz die Brombeere schneiden, weil die langen Triebe schon die Wäschespinne erreicht haben, da fällt mir ein, dass die Wäsche noch in der Trommel ist. Lasse alles stehen und liegen (liegen), gehe ins Haus, komme an der Küche vorbei, sehe das schmutzige Geschirr in der Spüle, mache klar Schiff, aber nur halb, weil das Kind ruft, Hunger. Die Wäsche habe ich längst vergessen. Stattdessen fällt mir ein, dass ich den Vater noch anrufen wollte und am besten auch die Mutter, denn die sind beide allein und ich habe ja Zeit, jede Menge sogar, na klar, und wer weiß wieviel uns davon noch bleibt, jedenfalls ihnen. Das Kind ist noch jung, aber alt genug, sich selbst was zu machen. Finde das okay, nehme mir aber vor, nach dem Essen mal wieder mit ihm zu spielen, denn ich bin eine gute Mutter, auch das, das auch. Greife zum Hörer, wähle stattdessen die Nummer vom Finanzamt, muss endlich mal klären, ob – aber bin mal wieder zu spät. Werfe einen Blick auf die Uhr, das Display, checke automatisch die Mails, noch so ein Fehler. So geht das immer weiter und schon ist ein Tag um und noch einer und noch einer und ich frage mich was ich in all der Zeit gemacht habe, es sieht doch aus wie immer im Garten, im Haus, auf meinem Schreibtisch, nichts also ist passiert, nichts was sichtbar wäre, und nur was sichtbar ist,
zählt.
Etwas zieht unentwegt an meinen Haaren. Der Kloß in meinem Hals schwillt. Das Hämmern in meinem Kopf wird mit fast jedem Tag lauter. Es kommt nicht von den Tieren da draußen (natürlich nicht), es ist das Feld. Es flüstert mir zu, dass es schwer werden wird. Es stellt mich infrage. Mich und mein Tempo. Ich kämpfe gegen das Hämmern. Ich stemme mich gegen das Feld. Das ist ermüdend. (Niemals ist es das Schreiben selbst). Ich haue die Sätze in die Tastatur. Ich kloppe die Finger aufs Plastik, ich mache richtig Lärm. Ich will nichts mehr davon hören.
Doch der Mob in mir ist lauter. Wie schaffen das die anderen bloß, höre ich ihn rufen. Die, die unerlässlich veröffentlichen? Die, die gesehen werden? Die mit Erfolg? Wie halten sie den Zustand und sich über Wasser? Wie halten sie das alles aus? Müssen sie sich das Schreiben verdienen oder leben sie gar davon (aber wie nur, wie?!)? Geht wenigsten ihre Partnerschaft zugrunde? Ist ihr Haus dreckig und der Garten verwildert? Sind Body und Geist unterversorgt – oder geht da noch was in Sachen SexNDrugsNBingewatching? Sind wenigstens ihre Mütter unzufrieden mit ihnen (nie sind es die Väter)? Oder haben sie etwa noch ein verdammtes Ehrenamt nebenbei? Haben gar eine gute Beziehung zu den Kindern, auch das noch! Läuft bei denen irgendetwas nicht wie geschnitten Brot? Und muss ich sie, die Erfolgreichen (all diejenigen, die das wie nebenbei schaffen: schreiben, publizieren, leben. LEBEN) dann auch noch lieben, sie sogar bewundern, weil ich, das erklärt sich ja von selbst, eine anständige Feministin bin? JA DOCH, JA! Nur insgeheim, da ist mir zum Heulen zumute, da könnte ich kotzen vor Neid. Aber halt, STOPP! Don‘t get carried away! Ohnehin habe ich dafür keine Zeit, nicht heute und nicht morgen. Denn innerlich schreibe ich, muss ich fertig werden, renne ich schneller als ich laufen kann. Denn: Ich will, ich will, ich will! (Es schaffen.) Aber dann auch: sofort einpacken. Denn ich bin keine Kämpferin, das bin ich nicht. Nie gewesen.
Ich sitze in meinem Zimmer und tippe gegen alles und jeden an. Ich stiere aus dem Fenster. Mit dem Mund wiederhole ich die Worte, die ich nicht lesen kann, weil ich ja nicht hinschaue. Das ist die Technik, mit der ich mich selbst überzeuge, dass meine Sätze wahrhaftig sind. Oder bedeutsam. Sie sind nicht von mir. Sind nur durch mich hindurchgeflossen. Ich bin ein fucking Medium. Wo nochmal verläuft der Grat zwischen Einbildung und Selbstverständnis?, schreit der Mob. Er zerrt an den Haaren. Und draußen im Flur, ganz in echt, sagt R. zu den Kindern: Ein ganzes Stück vom Kuchen und nicht mal bitte sagen?! Hast Du das etwa nicht gewusst?, höre ich den Mob wieder raunen. Wer schreiben will, muss es sich verdienen! Ich tippe einfach weiter. Mit zwei Fingern bloß. Den mittleren zweien.