Das Wenige, was wir voneinander wissen
Ich will mich an meine Großmutter erinnern. So wie ich mich immer erinnern möchte. Bereits als Kind trug ich den Wunsch in mir, die Vergangenheit festzuhalten. Streckenweise habe ich versucht, das Leben zu konservieren. Den Moment, bevor eine Erfahrung überhaupt zur Erinnerung wird. Fragt mich nicht wie. Es hat ohnehin nicht funktioniert. Seit Jahren schreibe ich alles auf, was mir in Bezug auf meine Vergangenheit und die meiner Familie einfällt. Trotzdem scheine ich den Berg nicht abzutragen. Im Gegenteil – ich könnte mein ganzes Leben schreibend verbringen, versunken allein in das, was war. Ich würde es dennoch nicht schaffen. Und was wäre es auch für ein Leben? Ich frage mich das immer öfter. Vermutlich ist es an der Zeit, loszulassen. Aber weil dem Loslassen das Festhalten vorausgeht (das Ausatmen erst klappen kann, wenn wir eingeatmet haben), schreib ich hier ein letztes Mal über Elli. Und dann lasse ich sie gehen.
Meine Großmutter lebte in einer kleinen Wohnung über der örtlichen Post. Drei Zimmer, Küche, Bad – alle nach heutigem Maßstab winzig. Dieselbe Wohnung, in der schon mein Vater und seine Geschwister zuhause waren. Wie sie dort zu fünft gelebt, es derart beengt miteinander ausgehalten haben, ist mir heute schleierhaft.
Oft fuhr ich gleich nach der Schule zu ihr. Gemeinsam saßen wir auf der grünen Sofagarnitur und durchkämmten die Illustrierten, die sie jede Woche aufs Neue besorgte: die Aktuelle, das Neue Blatt, die Freizeitrevue. Einmal hatte sie aus Versehen die Neue Revue gekauft und ich starrte erschrocken auf nackte Brüste, bevor ich das Blatt nach ganz unten zu den alten Magazinen schob. Hatte ich alle Zeitschriften durch, schaltete ich den Fernseher ein. Bei Oma durfte ich schauen, so lang ich wollte, und ich durfte naschen, soviel ich wollte. Zum Mittagessen gab es ausschließlich Mahlzeiten, die ich mochte, und immer gab es Nachtisch.
Es kam vor, dass meine Mutter unverhofft vorbeikam, wenn ich gerade die Süßigkeiten vor mir ausgebreitet hatte und mich durch die Langeweile der fünf Fernsehprogramme zappte, in der Hoffnung, etwas Unterhaltsames zu finden. Hörte ich die Stimme meiner Mutter, war es fast schon zu spät. Blitzschnell schaltete ich den Fernseher aus und ließ die Süßigkeiten hinter den Sofakissen verschwinden. Aber so war es eben. Und dass es Streit deswegen gab, gehörte ebenfalls dazu. Elli war aufgewachsen in Zeiten der Entbehrlichkeit, auch in Zeiten der harten, körperlichen Arbeit. Dankbar nahm sie die Erleichterungen in Küche und Haushalt an. Kaufte Fertigprodukte und interessierte sich nicht für das wachsende Gesundheitsbewusstsein der jüngeren Generation. Ihr war vor allem wichtig, dass ich mich wohlfühlte.
Wenn ich bei Elli übernachtet, was regelmäßig vorkam, schob sie die beiden Sessel im Wohnzimmer zusammen, so dass daraus ein Bett entstand. Als ich zu groß dafür war, durfte ich in ihrem Bett schlafen. Elli legte sich dann auf die schmale Couch. Zuvor jedoch kam sie zu mir, und wir sprachen gemeinsam das Vaterunser. Gewissenhaft sprach ich das Gebet mit ihr, auch wenn es sich fremd anfühlte und ich nicht sicher war, ob dies sein durfte. Dann wurde geschlafen.
Wenn ich am nächsten Morgen nach Hause ging, stand Elli am Küchenfenster und wachte darüber, dass ich gut über die Straße gelangte. Obgleich sie von dort oben nichts hätte ausrichten können und sie es war, die später dort verunglückte. Die Straße hat eine lange Kurve und war schlecht einzusehen. War ich drüben, drehte ich mich um und winkte ihr zu. Nach ein paar Schritten noch einmal – das war unser Ritual. Manchmal vergaß ich es oder dachte erst sehr spät daran. Elli aber stand im Küchenfenster und wartete. Sie winkte jedes Mal zurück. Wenn ich heute an ihrem Fenster vorbeifahre, schaue ich nach oben und sehe sie dort stehen. Vermutlich wohnt auch heute eine alte Frau dort. Auch sie hat Blümchen-Gardienen. Fast möchte ich klingeln, um mich zu vergewissern, dass Elli wirklich nicht mehr da ist. Aber das ist natürlich Quatsch. Eigentlich schaue ich nur und habe Sehnsucht nach ihr.
Ich durfte Elli besuchen, wann immer ich wollte. Nur dienstags nicht. Da hatte sie keine Zeit. Da kam schon früh die Rita und machte ihr das Haar. Rita war Frisörin und die Tochter einer befreundeten Familie, der Elli früher einmal zur Seite gestanden hatte. Bei was genau, hatte ich nie erfahren. Zum Dank hatte sich diese nur befreundete Tochter verpflichtet, meiner Großmutter einmal in der Woche die Haare zu machen. Wenn Rita kam, stand der Sekt kalt, gab es Martini auf Eis, Eier mit Kaviar und Schnittchen. Rita aß und trank und sie hörte zu, aber sie erzählte auch. Zwischendurch blies sie Rauchschwaden an die Decke. Später am Tag, nachdem Elli alle Fenster aufgerissen und gelüftet hatte (die Entschlossenheit dieses Vorgangs hatte stets etwas Aggressives. So wie überhaupt die Art, wie sie sich bewegte: zackig, flink, mit einem unentwegten Energieüberschuss), machte sie sich zurecht. Überprüfte ihr Bild vor dem Spiegel. Legte ein Seidentuch um. Trug Lippenstift auf. Meine Großmutter achtete auf ihre Erscheinung. Sie trug ausschließlich hochwertige Kleidung in vorwiegend blassen Farben. Nur so ging sie aus dem Haus. Und nur so machte sie ihr Kreuzworträtsel auf dem Sofa. Allerdings nicht dienstags. Denn da hatte Elli noch eine zweite Verabredung und keine Zeit. Dass sie es so legte: zwei feste Verabredungen an einem Tag, statt sie auf die ansonsten unstete Woche zu verteilen, zeigt nur, wie wichtig es ihr war, an diesem zweiten Tagestermin etwas herzumachen. Gepflegt auszuschauen, mit frisch frisiertem Haar. Dienstagnachmittags spielte Elli Karten. Reihum trafen sie sich. Bei der Harrang, der Hollmann, der Wythe. Bei Elli. Ich bin nicht sicher, warum sie immer so von ihnen sprach, als ob sie sich siezten. Taten sie dies? Ihre Vornamen jedenfalls kannte ich nicht. Dabei waren diese Frauen die Freundinnen meiner Großmutter. Doch so sagte Elli das nicht. Sie sagte: meine Kartendamen. Und irgendwie war das richtig. Denn obwohl sie sich regelmäßig trafen, manchmal auch ohne die Karten, obwohl sie sogar gemeinsam verreisten, war es doch eben das Engere, das Innige, das fehlte. Aber vielleicht ist dies auch nur der Blick meiner Generation. Einer Generation, die wahre Freundschaft an geteilter Innerlichkeit misst. Naturgemäß waren in Ellis Generation, nach dem Erleben von Krieg und Flucht, andere Qualitäten wichtig. Man hielt zusammen, wenn dies notwendig war. Man half sich. Füreinander da sein, das bedeutete damals im aktiven Handeln statt im passiven Zuhören. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen, schien weniger ausgeprägt. Zu sprechen über das, was einen bewegt.
Was keineswegs bedeutet, dass Elli einsam war. Sie hatte zahlreiche Bekannte. Wenn Elli durch unseren Ort ging, der Ort, in dem sie seit ihrer Flucht zuhause war und an dem sie rund sechzig Jahre lebte, traf sie immer Menschen, die sie kannte. Menschen auch, die sie kannten, und das war ihr wichtig – gegrüßt zu werden, erkannt zu werden. Elli erzählte oft davon, wen sie alles auf der Straße getroffen und wer ihr alles einen Gruß zugerufen habe. Immer auch Leute, die sie selbst nicht erkannt hätte, die sie dennoch angesprochen hätten. Wir lachten manchmal darüber, weil es durchaus so klang, als wäre sie eine kleine Berühmtheit, der die Menschen auf der Straße entzückt zuwinkten, deren Name laut ausgerufen wurde. Doch auch wenn ich lachte: den Wunsch dahinter kannte ich. Taten wir dies nicht alle?
Immer dienstags also. Zwei Verabredungen an einem Tag. Die restliche Woche war unstet. Ich kam ein oder zwei Mal zu ihr. Sie ging ein oder zwei Mal zu ihrer Schwester. Erst in den letzten Jahren hatten sie keinen Kontakt mehr, weil die Söhne sich stritten und der eine seiner Mutter den Kontakt verbat: der ganz normale Wahnsinn innerhalb einer Familie. Ein oder zwei Mal pro Woche ging Elli in die Kirche. Jeden Tag eine Kleinigkeit einkaufen. Hin und wieder bekam sie Besuch. Ab und an ging sie zum Seniorencafé. Nur selten zum Arzt. Manchmal in die Stadt oder auf den Friedhof. Oft saß sie in ihrem kleinen Gärtchen in der Hollywoodschaukel. Ein Alltag ohne große Ausbrüche. Und vielleicht war das das Ziel. Nach dem Krieg. Nach der Flucht. Nach ihrer Krankheit auch. Elli jedenfalls wirkte zufrieden auf mich. Immer.
Oder? Für einen Moment gerate ich ins Schlingern. Kann es sein, dass das nur Fassade war: ihre Zufriedenheit? Ich blättere in den Fotoalben, die mir mein Vater auf meinem letzten Besuch gegeben hat – zusammen mit vier Büchern aus dem Nachlass von Elli. Sie alle tragen das Wort Schlesien im Titel. Ein Umzugskarton wie ein letzter Gruß. Warum er ihn so viele Jahre zurückgehalten hat: ich muss ihn das noch fragen. Weder die Alben noch die Bücher habe ich je bei Elli gesehen. Ihre Wohnung war klein, ich kannte jeden Winkel. Möglicherweise lagen sie seit Jahren in diesem Karton, der auf dem Dachboden stand. Weit weg von einem Alltag, der gänzlich unbelastet schien.