Das Wenige... (Teil 4)
Nun, da sie tot ist, zehn Jahre schon, möchte ich begreifen. Möchte verstehen, was es für meine Großmutter bedeutet hat, ihre Heimat hinter sich zu lassen. Wie lange sind Elli, mein Vater und seine Schwester, Ellis Schwester und ihre Mutter unterwegs gewesen? Wie lange hat es gedauert, von Oberschlesien nach Norddeutschland zu gelangen, wo ein Verwandter lebte? Hatte Elli nicht auch davon gesprochen, dass sie zeitweise bei einer anderen Familie untergekommen wären? Dass sie ein Zimmer zugewiesen bekommen hätten? Wo aber ist das gewesen und wie lange sind sie geblieben? Waren es Tage, waren es Wochen? Ich habe keinerlei Vorstellung. Absolut keine Idee. Ich betrachte die Landkarte mit den nummerierten Ortschaften: Striegau: 1, Wohlau: 2, Groß-Strehlitz: 3, Liegnitz: 4, Oppeln: 5, Neustadt: 6. Und ahne plötzlich, dass dies ihre Route ist. Erst jetzt kommt mir in den Sinn, dass ein Unterfangen wie dieses, namentlich: eine Flucht, nur selten einem direkten Weg folgt. Vielleicht hatten sie nicht mal vorgehabt, bis nach Norddeutschland zu fliehen, als sie aufbrachen. Vielleicht hatten sie geglaubt, sie könnten bald wieder zurückkehren. Vielleicht waren sie deshalb kreuz und quer ausgewichen, bis sie, erst als es keinen anderen Ausweg mehr gab, Schlesien verließen und in Richtung Norden aufbrachen. Am 14. Oktober 1945 trägt Elli (die stets gewissenhaft war, und sicher auch in Zeiten wie dieser) sich in das Einwohnermeldeamt unserer Stadt ein. Wenn sie bereits vor den russischen Soldaten geflohen waren und nicht erst nach Kriegsende vertrieben wurden, ist sie über zehn Monate mit den Kindern, der Schwester und ihrer Mutter auf der Flucht gewesen. Zehn Monate. Es konnte kein Dreischritt gewesen sein.
Nun doch lese ich Ellis Bücher. Und finde auch hier: eine endlose Wiederholung der immer gleichen Geschichte. Ich begreife, habe längst begriffen: diese Berichte sind Ellis Erfahrung. Es sind vor allem zwei Textstellen, die mich, nach allem was ich gelesen habe und zu verstehen glaube, unerwartet tief treffen: „Die Tragödie der Oberschlesier ist, dass er bestimmt nicht Pole, sicherlich wohl eher Deutscher, aber eben vor allem Oberschlesier ist.“3 Neongelb sticht dieser Satz hervor, meine Großmutter hat ihn markiert. Genauso wie: „Den Verlust meiner oberschlesischen Heimat habe ich nie richtig verwunden.“4 Auch diesen Satz hat Elli unterstrichen. So wie man Sätze markiert, die man sich merken will: weil sie eine Wahrheit enthalten. Es sind keine geistigen Quantensprünge nötig, um das zu begreifen. Es ist ganz einfach und deshalb so hart.
Und noch etwas – auch mein Vater, so jung er gewesen ist, hat diese Flucht erfahren. Auch er trägt eine Leerstelle in sich. Eine, die er vielleicht selbst nicht erklären kann. Kurz nach seinem 2. Geburtstag kamen sie in Norddeutschland an. Etwas aus dieser Zeit ist geblieben. Und wenn es nicht die Flucht selbst war, die ihn geprägt hat, so waren es doch seine Eltern: Mutter und Vater fernab der Heimat, beraubt ihrer Identität. Und so wie es bei Elli der Fall gewesen ist, wirkt auch mein Vater stets zufrieden auf mich. Es ist, als ruhe er in sich. Einerseits. Aber da ist noch etwas anderes, das ich spüren kann: eine überraschende Verletzlichkeit, eine unerwartete Leere, ein Abgrund. Nicht umsonst habe ich mich nie getraut, bestimmte Fragen zu stellen.
Aber vielleicht ist das auch großer Quatsch. Vielleicht ist alles vollkommen okay, und nur ich habe einen Vogel. Viellicht hat er auch nur so über viele Jahre getrunken. Ich will wirklich nicht grundlos alles in Frage stellen. Etwas wecken, dass nicht vorhanden ist, eigentlich. Denn was könnte ich auch tun? Wie meinem Vater helfen? Reden mit jemandem, der nicht reden kann (nicht über den Abgrund)? Das war schon als Kind das Bild, das ich von meinem Vater hatte: wenn man einen gewissen Punkt in seinem Innern trifft, bricht alles zusammen. Der stille Schmerz ist seine Achillesferse.
Galt das auch für Elli? 1993 fuhr sie gemeinsam mit dem jüngeren Bruder meines Vaters noch einmal in ihre Heimat. Weder mein Vater noch seine Schwester wollten sie begleiten. Ich erinnere mich, dass mein Vater eine regelrechte Abscheu hatte, wenn die Sprache auf diese Reise kam. Dort wollte er nicht noch einmal hin. Keinesfalls. Ich konnte die Vehemenz seiner Haltung nicht nachvollziehen, aber sie färbte auf mich ab. Auch ich wollte Elli nicht begleiten, obwohl sie mich fragte. Heute glaube ich, dass mein Vater unterbewusst seine Erlebnisse der Flucht mit dieser Reise an die Orte der Vergangenheit verbunden hat. Dass er Angst hatte, die Leere zu füllen. Es hätte bedeutet, ihr Raum zu geben – oder auch nur einen Namen. Elli aber fuhr, und als sie wieder zurückkam, war sie aufgekratzt und ausgeglichen zugleich. Und sie erzählte. Davon, was es zu essen gegeben hatte. Wie eine Königin sei sie empfangen worden! Davon, wie die Orte ihrer Kindheit und Jugend sich verändert hätten. Es schien ihr nicht allzu viel auszumachen, nicht mehr das Schlesien vorzufinden, das sie kannte. Entscheidend war, und davon sprach sie mit anderer Stimme, wie sie im Kreise der Menschen aufgenommen wurden, denen sie seit einem halben Jahrhundert nicht begegnet war. Die Menschen waren ihre Heimat: ihre Bräuche, ihre Sprache, ihre Art sich zu geben. Sie waren der Spiegel, den sie gesucht hatte, wenn sie durch unsere Straßen ging. Am Ort ihrer Vergangenheit war meine Großmutter erkannt worden. Ich glaube, das zu erfahren machte die Leerstelle in ihr erträglicher. Sie sprach in diesen Wochen viel von Früher, und ich lauschte. Aber dann war auch das wieder vorbei, und ich fragte nicht weiter. Ich habe es damals einfach nicht verstanden. Ich habe es nicht einordnen können. Aber ich sehe es jetzt.
Und noch etwas wird mir klar: Das Fehlen von Verbundenheit. Eine nicht zu erklärende Leere. Die Angst davor, verloren zu gehen. Verlassen zu werden. Dies sind Empfindungen, die auch zu mir gehören. Ich habe sie nie verstanden. Ich will mir die Folgen aus den Erfahrungen meiner Vorfahren nicht aneignen. (Nicht ich habe meine Heimat verloren, habe Krieg oder Flucht erlebt. Im Gegenteil.) Und doch scheint es so zu sein: Traumata wirken nach. Sie tragen sich ab, über Generationen. Erst durch meinen zeitlichen, den emotionalen Abstand auch, habe ich die Möglichkeit, mich auseinanderzusetzen. Und so schreibe ich über uns. Am Ende lässt sich die Erkenntnis, die ich dabei erlange, in wenigen Sätzen zusammenfassen. So einfach ist es, sobald man es verstanden hat: Es sind die Nachwirkungen dieser prägenden Erfahrung des Heimatverlusts, die dazu geführt haben, dass wir in meiner Familie in unserem Innersten drifteten. Dass wir seltsam haltlos sind. Ein strauchelnder Drache im Wind. Es erscheint vielleicht komisch, jetzt doch noch von Halt zu sprechen – aber auch das liegt im Begreifen. Nun kann ich loszulassen. Für uns alle.
1 Längin, Bernd: Unvergessene Heimat Schlesien, Augsburg 1993, S. 109.
2 vgl. Niekrawietz, Hans/Werner, Konrad: Schlesien. Unvergessene Heimat, Mannheim 1988, S. 9.
3 Reitor, Georg: Hoffnung – trotz allem. Unterwegs in Schlesien, Dülmen 1990. S. 260.
4 Ebd., S. 380.