Eben
Nein, ich will mich nicht beschweren. Schließlich gehören wir zu den gut genug Betuchten, die sich ein bis zwei Mal pro Jahr einen Urlaub leisten. Wir haben weder ein Eigenheim noch einen teuren Wagen und sind auch sonst nicht besonders konsumorientiert. Und dann passt das. Jedenfalls bei uns. Danke. Ich will also wirklich nicht auf die Tränendrüse drücken an dieser Stelle. Es wäre absolut falsch, das von mir zu glauben.
Nur ist es so, dass in diesem Jahr unser Familienurlaub etwas anders ausgefallen ist als erhofft. Bekanntlich ist gemeinsames Urlauben nach Weihnachten die sicherste Zeit für Migräne, Streitigkeiten, Trennungsdebakel. Nicht so bei uns. Wir steigen uns das ganze Jahr aufs Dach. Nur in den Ferien, da läuft es rund. Da sind wir mal so richtig gut miteinander. Warum das so ist, und was das über den Zustand unserer Ehe aussagt, will ich an dieser Stelle nicht erörtern. Fakt ist: wir freuen uns immer wie die Kleinen auf die großen Ferien. Fahren dann meist gleich für drei bis vier Wochen weg. Hauen mal so richtig auf die Kacke. Eigentlich.
Alles fing damit an, dass wir (und wenn ich wir sage, dann meine ich vor allem den Mann, mit dem ich verheiratet bin, mit dem ich Kinder habe, mit dem ich deshalb meistens auch verreise – nennen wir ihn einfach mal Henrik, denn so heißt er) – wir hatten also entschieden, es in diesem Jahr anders anzugehen. Dass das immer nur falsch sein kann, weiß man spätestens ab dem Zeitpunkt, ab dem man sich ein Baby zugelegt und regelmäßig mit Phasen zu kämpfen hat: Never change the running system. Ein Satz, der einem nicht früh genug in den Mutterpass gelegt werden kann, am besten direkt mit dem ersten Ultraschallbild. Interessant aber: er gilt aber auch für Urlaube.
Normalerweise entscheiden wir erst zwischen Kofferpacken und Abfahrt, wo es hingehen soll, da sind wir ganz spontan. Nicht, weil wir so tiefenentspannte Abenteurer wären, nein. Es ist eher eine große Unentschlossenheit, die uns regelmäßig davor zurückschrecken lässt, bereits im August eine Buchung für den nächsten Juli klarzumachen, wie es besonders gewiefte Freunde des günstigen Reisens tun. Oder wenigstens im Januar. Diesmal aber waren auch wir zeitig dran und haben bereits im April alles dingfest gemacht, für uns erschreckend früh. Stundenlang haben wir Preise verglichen, nächtelang schlecht geschlafen, bis die Entscheidung stand, auf dir wir uns gemeinsam festlegen wollten: Italien, mon amour, wie der Andi Möller sagen würde, falls den hier noch jemand kennt. Einmal gebucht, waren wir saumäßig häppi. Es sollte richtig schön werden, zwar auch saumäßig teuer (Hallo, liebes EU-Parlament, es bräuchte wirklich endlich eine Ferienappartmentmietpreisbremse!), aber eben unfassbar schön, soviel war klar.
Dann aber kam uns das Leben dazwischen, und vielleicht ist das auch immer der Grund, warum wir ansonsten nie früh gebucht haben, denn wir wissen doch alle, dass das Leben immer eine Sonderstellung braucht. Als wäre es das mittlere Kind von dreien. Oder, noch schlimmer: Einzelkind.
Und so sind wir hingegen erster Planung nicht als Kleinfamilie in den Süden gebrennert, sondern haben uns mit Oma und Opa und Tante und Onkel und Mann und Maus und Frau und Klaus in Skandinavien eingefunden. Familienurlaub also, und zwar aus verschiedenen, hier unerwähnten Gründen (nicht persönlich nehmen!). Nur, Familienurlaub: das ist eine Kategorie für sich. Ganz besonders dann, wenn die Wechseljahre einen vor- und zurückwerfen als wäre man eine Muschel am Nordseestrand. Und warum eigentlich ist das so wenig in aller Munde: dass Muscheln ein echt hartes Leben haben?
Eine Woche wir alle gemeinsam, danach sollte es allein weitergehen. Keine große Sache also. Und natürlich sollte es schön werden, bitt’schö. (Denn das ist ja die Erwartung, die man mindestens hat, wenn es in die lang ersehnten Ferien geht.) Eine Woche aber, die das ehrlicherweise nicht werden konnte: schön. Weil wir an Italien dachten, aber nur in Dänemark waren. (Im Land mit den glücklichsten Menschen der Welt. Und das ist schlimm, denn die Einheimischen sind dann alle glücklicher als man selbst.) Aber auch weil die Krankheit meines Vaters zum ersten Mal so richtig greifbar wurde und wir alle lernen müssen, damit umzugehen. Das allein reicht schon, könnte man einwenden. Aber es war beachtlich, wie er damit umging, und auch seine Frau. Nein, das war es wirklich nicht, was den Urlaub schwierig machte. Nicht allein. Vielmehr: neun Menschen und doppelt so viele Egos. Denn während es manche von uns schaffen, sich zurückzunehmen, bringen andere gleich zwei oder drei Hier!Bin!Ich!s mit. Ichich auch. Und, ach ja, die Muscheln, die Nordsee.
Nach nur einer Woche waren wir urlaubsreif, allesamt. Was waren wir froh, als es als Kleinfamilie weiterging. Denn wenigstens das können wir ja: zu viert das Leben genießen. Im Urlaub. Sonst eher nicht, wie eingangs erwähnt. Diesmal aber wollte es einfach nicht klappen. Kann sein, dass es an den vorherigen Gründen lag. Und außerdem noch an zwei bis drei anderen Dingen, die uns gerade das Leben etwas mausig oder madig oder sonst wie ungezieferig machen. Aber wer hat schon so ein locker flockiges Leben wie zum Beispiel das einer Kolumnistin? Eben.
Das Navi lenkte uns an die Nordspitze des Landes. Dort hatten wir ein gemütliches Reetdachhaus reserviert. Eine Woche zwischen den Dünen liegen und nichts tun: was braucht es mehr? Wir drehten das Radio laut. Ich möchte behaupten: die Erwartungen waren nach dieser ersten, etwas missglückten Woche nicht sehr hoch. Aber das stimmt natürlich nicht. Vielmehr waren sie ganz besonders hoch. Wenigstens der Rest der Zeit. Hatte. So richtig. Schön zu sein.
Aber dann bogen wir um die Ecke, und das Haus entsprach sofort nicht unseren Vorstellungen. War es auf den Fotos nicht hyggeliger gewesen? Wir suchten den Schmutz und fanden ihn. Ganz in echt. Auf allen vieren. Wie ganz schlimme Urlauber (ich scheu einen Vergleich) machten wir Fotos von Missständen. Und waren dabei sicher: Ferienhausvermietungen sind die reinste Mafia. Schwupps, da waren wir wieder mitten in Bella Italia. Zumindest im Kopf. Die Füße aber steckten in Wollsocken, denn draußen: Regen, stürmisch, 17 Grad. Aber immerhin ein Palmenstrand direkt vor der Tür. Echt wahr. Als wollte uns der Gott des Urlaubmachens (‘Sun of a bitch‘) sagen: so hätte es sein können, in Italien. Nicht, dass dort Palmen wachsen.
Es dauerte noch einige Tage, bis wir uns akklimatisiert hatten. Bis wir endlich mal klar kamen auf unserem wohlverdienten nicht-Schicksal, das alles andere als jämmerlich war. Kurz vor der Abfahrt hat es dann doch noch geklappt. Plötzlich konnten wir sie sehen: die nordische Schönheit der rauen Natur gepaart mit dänischer Lieblichkeit. Hochhaushohe Wanderdünen aus denen ein Leuchtturm ragte. Zwei Meere, die ineinanderflossen und eine beinahe schnurrgerade Farbkante bildeten: verwaschenes Jeansgrau meets türkis-petrol. Die ockerfarben leuchtenden Gassen von Skagen, die einen von klebrigen Zimtschnecken mit Weltfrieden träumen lassen. Eistüten, so schwer, dass es zwei Hände braucht, sie zu halten. Fangfrischer Fisch, der auf der Zunge zergeht. Was nochmal hatten wir zu meckern? Selber schuld. Eben.