Gestrandet

Heute fahren wir ans Meer! Heute gehen wir baden! Und heute: das ist egal wann. Denn wir wohnen dort, wo andere Urlaub machen. Links und rechts, sogar oberhalb von uns: Strände. Wenn wir wollten, könnten wir jeden Tag woanders mit den Möwen um die Wette lachen. Wollen wir aber nicht. Wir haben unsere Lieblingsspots, wie jeder normale Zweibeiner mit Schwimmflosse im Gepäck. Unser Beachlife spielt sich ab zwischen Natur pur (Felder im Rücken, Algen im Wasser, keine Touristen) und Champagnerbaden (sehr klares Wasser, Luxus-Resort im Nacken, trotzdem kaum jemand am Strand).
Nie, wirklich nie, gehen wir dorthin, wo Feriengäste viel Geld bezahlen, um an einem übervollen Strand zu liegen, und sich dabei auch noch vorkommen, als wären sie im Urlaub. Grömitz, zum Beispiel. Oder all die anderen Ferienorte, die unsere Hood zu einem der beliebtesten Reiseziele der Deutschen macht.

Nun aber war der Naturstrand in den letzten Wochen ein einziger Algenteppich. Mit dem Schwimmen ist es da schwierig geworden. Nährstoffbelastung, hämmert es irgendwo im Hinterkopf. Und gleich auch: Versauerung, Überfischung, Klimawandel. An den Badeorten werden die lästigen Schlingel beseitigt, habe ich gehört. Ist ja auch viel angenehmer für die Gäste. Man braucht nicht durch die seichte Pampe waten und muss sich auch sonst keinen Kopf machen. Aber vielleicht ist das ja auch mal okay für ein paar Stunden: einmal nicht den durch Algen, Newsfeed und sonst wie getrübten Gedanken nachzuhängen. Einfach mal Planschen satt und dann ein Eis. Der Alltag ist kopflastig genug, da braucht es niedrigschwellige Erholung. Eigentlich. Wir aber packen den neusten Sloterdijk in die Tasche und lassen die Korken knallen (norddeutsch für: quetschen das Gummitier auf die Rückbank). Auf geht’s zum Champagnerbaden.

Dann aber fällt auch das flach. Denn während hinter einem die noble Hotelanlage ein Ort der Ruhe und Zurückgezogenheit ist und vor einem das offene Meer so glatt und eben daliegt, als wehe hier niemals ein Lüftchen. Als gäbe es nie einen Sturm. Als wäre dieser Platz, ja die Welt an sich ein friedlicher Ort. Wird linkerhand (rattattattatta! rattattattatta!) geballert, als gäbe es kein Morgen. Den Strand runter dreht sich ein Leuchtfeuer im Kreis. Rauschschwaden schwängern die Luft. Ein Helikopter fliegt gefährlich tief über das Hinterland. Vereinzelt erschüttern Detonationen das Gelände. Dazwischen immer wieder: rattattattatta! rattattattatta!

Denke: was dem einen sein Luxus-Resort, ist dem anderen sein Ballermann. Wer bitte hat sich das ausgedacht? Ist dies bloß die Kulisse für einen Wes Anderson Film oder doch schon ausgleichende Gerechtigkeit? Derzeit jedenfalls wird auf dem Truppenübungsplatz geballert, gezündelt, trainiert. Und wie es scheint, ununterbrochen. Etwas betreten liegt man am Strand und weiß nicht so recht, wie sehr man nun besorgt sein soll. So viel Geballer, so viel Vorbereitung: das war doch im letzten Sommer nicht. Und überhaupt: ist ein gediegenes Rumliegen angesichts dieser Entwicklung, die einem permanent in den Gehörgang schwappt, noch richtig? Wäre es nicht richtiger, endlich etwas Sinnvolles zu tun. Sinnvoller als liegen, leben, schreiben? Amnesty International unterstützen vielleicht. Nicht nur durch Geld. Durch Taten! Oder wenigstens öfter mal die Oma besuchen: wäre auch schon mal ein Anfang. Dann wieder: wäre es nicht doch am Richtigsten, genau jetzt das Leben zu genießen, zumindest für ein paar Stunden: eben weil wir es können, es ergo schon deshalb unsere Pflicht ist, auch. Gesenkten Hauptes, die Gedanken so schwer, geben wir uns geschlagen. Maschinengewehrsalven begleiten unseren Abgang.

Neue Strände braucht der Mensch. Vor allem aber wir. Denn es ist heiß geworden Ende Juli. Die Kinder verlangen Abkühlung, und es kann ja nicht immer nur Eis geben. Überhaupt: wozu haben wir die Großstadt verlassen, wenn wir nicht auch das Meer besuchen, an dem wir nun leben? Also tauschen wir Algenteppich und Maschinengewehrsalven gegen Touristenschwämme und Motorbootgeknatter. Wir sind für alles bereit. Grömitz, Du Perle des Nordens, wir kommen! Heute wollen wir Dich gernhaben. Heute machen wir so dermaßen auf Tourist, dass es weh tut. Wir schmieren uns etwas Sonnenmilch unter die Achseln und reichlich Deo ist Gesicht. Der klare Kopf ist schon vorgefahren und sucht einen Parkplatz.

Denn: der fehlt. Mit den Feriengästen kurven wir im Kreis und tanzen Autoballett. Irgendwann finden auch wir eine freie Lücke, den allerletzten Platz wie es scheint. Wir schnappen uns alles, was der Kofferraum hergibt: Strandtücher, Sonnenschirm, Luftmatratze. Vielviel Wasser. Fast packe ich noch das Warndreieck ein, die Hitze. Im Dauerlauf geht es an die Promenade. Schließlich werden die letzten die ersten sein, die keinen Strandkorb mehr kriegen! Aber so einen wollen wir heute unbedingt. Wir sind ja nun Touristen. Zu unserem Erstaunen gibt es noch eine beachtliche Auswahl. Wir entscheiden uns für die zweite Reihe. Nur Poser wollen vorn liegen.

Auf dem Weg ins Strandeigenheim passieren wir unsere Community und werden neugierig beäugt. Wir äugen zurück. Hallöchen, wir sind die Neuen! Zwei Rentner spielen Karten, eine Pulle Bier zwischen die Schenkel geklemmt. Haut und Flasche haben denselben Braunton. Ein kurzes Nicken. Das also sind die Nachbarn. Verschämt liegen einige Handtuch-Puristen im Schatten, den die Körbe werfen. Zwei Jugendliche spielen Strandsushi und rollen sich nach dem Eincremen im Sand: Grömitz Inside-out. Flugs richten wir uns ein. Eben noch wird der Sonnenschirm aufgestellt, dann rennen Mann und Kinder ins Wasser. Ich mach mich lang im Körbchen und schaue mich um. Neben uns: eine Familie, ebenfalls zwei Kinder. Sind wohl auch gerade erst angekommen. Da wird sortiert, geräumt und gestapelt. Ununterbrochen. Bis alles sitzt und jemand von ganz unten etwas braucht. Dann geht das Spiel von vorne los. Schließlich packt Vati einen Windschutz aus, eine Art Zaun, den es heute gewiss nicht braucht, weil: Flaute. Er stellt ihn dennoch auf. Um den Korb herum. Vielleicht habe ich zulange geschaut.

Überhaupt steht Abschottung hoch im Kurs, nicht nur am Mittelmeer. Weiter hinten sichte ich ein ganzes Feld von Strandmuscheln. Schon die zweite Reihe hat schlechte Karten und sieht das Mehr kaum meer. Ich bin froh, dass die Strandkörbe etwas luftiger stehen. Doch auch hier häufen sich manche einen Wall an, der klar die Grenzen definiert. Andere haben sich ein Loch gebuddelt, noch vor der ersten Reihe. Sie wollen tiefer liegen. Vielleicht sind das die Jungs mit dem getunten Golf, der uns vorhin am Parkplatz geschnitten hat. Merke: wer nichts riskiert, hat die erste Reihe nicht verdient.

Kenner haben eine Fahne gehisst: Sponge Bob hebt lachend die Mütze zum Gruße, schließlich sollen Tante Helga und auch der kleine Fiete später noch den Weg nach Hause finden. Das aber ist alles andere als leicht, wenn man dezent verströmt aus den Fluten steigt und geblendet auf das Wimmelbild vor einem starrt. Verzweifelt sucht das Auge nach Unregelmäßigkeiten. Doch alles ist erschreckend gleich: die Körbe, die Farben (ein ausgewogenes dunkelweiß bis grellrot) und überall halbnackte Menschen.

Aber was ist das? Der Sand verdunkelt sich. Ein Schattengebirge breitet sich über unserem Strandviertel aus. Aus der Hansestadt kommend kündet sich ein Gewitter an. Die grauen Wolken quellen in Zeitlupe. Zwischendurch blitzt siegessicher die Sonne durch. Ein Hingucker, ein doppelter Turner sozusagen. Es ist ein stiller Kampf, doch selbst er wirkt zu müde, um ein Gewese zu machen. Die dunklen Wolken grollen nicht, sie schieben bloß. So langsam wie sie gekommen sind, verziehen sie sich. Erleichtert zücke ich die Sonnenbrille und richte meinen Blick auf das offene Meer. Gut, auf der anderen Seite der Bucht kann man schon Meck-Pomm erkennen, der Blick ist also begrenzt. Trotzdem: seichtes Meeresrauschen, Sand unter den Füßen, Salz in der Luft und im Brustkorb das Gefühl von Weite.

Vor mir im Wasser stehen die Leute knietief, obwohl sie schon 100 m gelaufen sind. Manche machen Dehnübungen. Vielleicht, um trotz der Planschbeckenhöhe sportlich daherzukommen. Aber nein, jetzt sehe ich es: Selfietime! Everywhere! Auch im Wasser. Überall verrenken sich die Menschen und machen Fotos. Keine Schnappschüsse, mehr was für die Ewigkeit: für ganz, ganz viel später nämlich, wenn man mal Zeit hat, die 2.671.978 Bilder zu betrachten, die sich in so einem Leben voller Selbstliebe ansammeln.

Neben einem Tretboot im Sand posieren drei Mädchen für ihre Mutter. Alle drei tragen den gleichen Bikini und stehen wie die Orgelpfeifen, aber hintereinander. Sie lächeln hart und zeigen ihre Zahnlücken. Ohne dass die Mutter etwas sagen muss, schieben sie ihre Hüften in dieselbe Richtung und stützen eine Hand in die Taille. In der Kunst sagt man Kontrapost dazu. Na gut, ist ja nicht neu, dass das immer früher losgeht mit der Kunst. Frage mich, an welchen Orten der Welt diese Aufstellung bereits für Mutti dargeboten wurde? Neben dem Eifelturm? Vorm Kolosseum? Und nun in Grömitz. Das ist nur folgerichtig.

Da springt ihnen plötzlich ein Junge ins Bild. Er rennt schon eine Weile mit einem Cacher umher und scheint Schmetterlinge zu jagen. Passiert das hier echt? Macht sowas noch jemand: wo es doch Wasserrutschen, Tretboote, Hüpfburgen gibt? Ich schaue ihm eine Weile zu und freue mich.

Dann bleibt mein Blick hängen. Leider. Ein praller Po frisst zur Hälfte die gar nicht knappe Hose eines Bikinis. Neonfarbener Stoff auf neonweißer Haut. Da hilft auch meine Sonnenbrille nicht. Locker ließe sich ein eigener Artikel nur über die Bademode der Saison schreiben. Aber will ich das? Schnell schaue ich in eine andere Richtung. Dort trägt ein sehniger Mann, sonnengegerbtes Fell, einen roten Tanga spazieren. Mit geschwellter Brust läuft er auf und ab. Von vorn, das entdecke ich nun, sieht es aus, als wäre der String beidseitig. Doch damit ist er nicht allein. Vielerorts ist der Stoff knapp. Richtig, auch davon hat man schon gehört: Rohstoffknappheit, noch so ein Problem unserer Tage. Also quillt und lümmelt es unangebracht zwischen Sandburgen, Eis und Kindergeschrei. Da kann man wirklich nichts machen.

Meine Meute ist noch immer im Wasser. Mir ist das viel zu kalt. Hat ja nur knapp 20 Grad. Da kann ich auch gleich Eisbaden gehen. Also mache ich mich auf, die Promenade zu erkunden. Doch auch hier: Eisbaden. Überall Kinder mit tropfenden Waffeln. Denke: gleich fällt einem sicher die Kugel herunter. Sowas ist Gesetz. Passiert aber nicht. Stattdessen kommt eine Möwe und klaut das Ding. Das Ergebnis ist gleich, das Geplärre groß. Auch ein anderes Kind, es kann gerade laufen, greint. Die Mutter fragt: „Soll ich mitweinen?“, und streckt ihm die Zunge raus. Dochdoch, ist schon lustig in Grömitz.

Ich schlendere weiter. Cafés reihen sich an Fischbuden reihen sich an Souvenirläden reihen sich an Restaurants. Auch Klamottengeschäfte stehen hoch im Kurs. Alles was die Herrschaften am Strand so brauchen: Handtuchkleider, Muschelketten, Piratenkopftücher. Am besten alles auf einmal tragen. Hauptsache, etwas mehr Stoff am Leib. Ein Schmuckstand wirbt mit „Ihr Name auf einem Reiskorn“. Irgendwie süß. So anachronistisch. Wer bitte will sich in Zeiten der Sichtbarkeit freiwillig ganz klein machen? Vor dem Platz an der Seebrücke hat ein Mann seine Staffelei aufgestellt. Er wartet auf Kundschaft. Doch in der Mittagshitze will niemand porträtiert werden. Günther Jauch, Helene Fischer, Yvonne Catterfeld und Boris Becker sind seine Aushängeschilder. Ungewollt spiegeln sie die Klientel der Stunde: Bunte-Abonnementen und Wartezimmerleser.

Ich suche mir eine Bank, schließe die Augen und lausche den Stimmen, die mich umgeben. Einmal höre ich jemanden ein derbes Cockney talken, einmal wird beflissen Französisch parliert, einmal ist es Russisch. Die Melancholie, das Pathos der Sprache entzücken mein Herz. Ich blinzle, nur um zu schauen, wer dieser Bariton ist. Keine gute Idee, dahin ist die Poesie. Dahin ist zudem das internationale Flair: für den Rest des Tages höre ich nur noch rheinisch, badisch, sächsisch, platt. Man spricht deutsch. Grömitz ist eben auch nur Italien.

Plötzlich knackt es, dann ertönt ein Gong von Band. Die unaufgeregte Stimme einer Frau meldet sich über Megafon zu Wort: „Karl-Christian wird von seinen Freunden gesucht und aufgefordert sich am Tennistreff zu melden.“ Das Ganze wird zwei Mal wiederholt. Unklar bleibt: ist hier ein Kind verloren gegangen oder sucht eine Altherrengruppe ihren Doppelpartner? Ein junger Mann im Fußballtrikot hat seinen Auftritt. Lauthals telefonierend faltet er jemanden zusammen. Warum, erschließt sich mir nicht. Aus der anderen Richtung erscheint jetzt ein Typ derselben Art, statt Trikot trägt er Shorts und Schlappen. Obenrum etwas schlichter: Bierbauch mit Sonnenbrand. Er ist sichtlich angetrunken und schiebt sich außerdem einen Wrap in den Hals, als der am Handy ihn entdeckt. „Karl-Christian,“ schreit er, „ich habe Dich gerade ausrufen lassen!“ Vor Freude wirft er die Arme in die Luft. Karl-Christian fällt auf die Knie. Kurz überlege ich, ob sich hier eine Art Laientheatern bemerkbar macht, so overthetop das Ganze, doch die beiden haken sich unter und gehen von dannen.

Ich mache noch einen Abstecher auf die Seebrücke, das Highlight eines jeden Badeorts, der etwas auf sich hält. Diese hier hat einen integrierten Mini-Spielplatz, geschwungene Liegen zum Abhängen und eine Tauchgondel, mit der man bis knapp auf den Grund (fast! vier! Meter!), tja, tauchen kann. Zu sehen gibt es dort: nichts. Das sandgetrübte Wasser verschleiert den Blick auf die vielen bunten Fische und Korallen, für die die Ostsee seit langem bekannt ist. Schade. Schön aber, dass man wenigstens heiraten kann in der Gondel. Wäre ja auch echt doof, wenn man einfach nur so Ja sagen müsste.

Hui, es ist spät geworden. Bevor ich noch ausgerufen werde, mache ich mich auf den Rückweg ins Körbchen. Ich lasse die Hüpfburg links liegen, eine schicke Lounge am Strand, die eigentlich anders heißt, aber eine echte Aufgeblasenheit ist, wenn auch nicht für Kinder. Diese Bar möchte lässig daherkommen, sie gibt sich alle Mühe. Gut besucht ist sie. Brav sitzen die Urlauber auf Loungestühlen, die auf Planken stehen, mitten im Sand. Ganz unkompliziert eben, is klar. Die Leute schlürfen Cocktails und warten. Vielleicht haben sie sich eine Portion Hipness bestellt. Kommt aber nicht. Kurzer Blick in die Menge. Aha. So’n Boris mit seiner Yvonne ist auch schon da. Na bitte.

Zurück am Strandkorb sage ich Danke. Danke für so viel Ablenkung! Danke für all die Klischees! Heute bin ich tiefenentspannt und Schuld allein sind die Touristen. Wozu noch ins Theater gehen? Wozu noch Shakespeare lesen? Grömitz, ich schwör: wir kommen bestimmt wieder! Nur morgen nicht. Da floaten wir auf dem Algenteppich. Mit Oma.