Sweat, Baby, Sweat
Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich mag es, in der Gruppe zu schwitzen, umweht von nichts als einem Handtuch. Ich habe nichts gegen Menschen, die ihre Körper regelmäßig in Saunen schleppen. Im Prinzip nicht. Weil H. das weiß, hat er mir vor Jahren einen Gutschein für die Therme geschenkt. Ein typisches Geschenk unter frisch Verliebten und Langzeitpaaren. Also allen, die irgendwie verbandelt sind. Der Gutschein lag eine Weile auf meinem Schreibtisch – und dann zwei Jahre in der Schublade, weil: der Ort ist nicht ums Eck. Neulich habe ich mich dran erinnert, dass er bald verfällt. Dass mir so etwas einfällt, hat damit zu tun, dass ich eine Art offenes Regalsystem in meinem Kopf habe, das mich so etwas nicht vergessen lässt. Auch nach Jahren nicht. Weshalb ich Ort schätzen sollte, an den man ganz, ganz feste entspannen kann. Unbedingt sogar.
Der Gutschein war für einen dieser Supertempel des fernöstlichen Saunierens. Obwohl ich nicht sicher bin, ob man Saunen in Asien kennt. Als ich vor Jahren dort war, ist mir nichts dergleichen begegnet. Ohnehin schwitzt man ob der hohen Luftfeuchtigkeit den lieben langen Tag, die Klamotten kleben am Leib ganz ohne Aufguss und schlimmer wird es nur noch, wenn man etwas isst, was in der Regel höllisch scharf ist. Vielleicht also ist die Idee einer Bezugnahme auf diesem Wege entstanden. Damit bin ich einverstanden. Das macht absolut Sinn.
Wir entern das Gebäude durch eine lautlos gleitende Glastür, und dann ändert sich alles. Die Optik, die Klänge, der Duft (Zedernholz, Klangschalen, Lemongrass). Sofort fängt die Entspannung an, denn bezahlt wird nicht jetzt, sondern später, wie praktisch. In der Umkleide kommt uns niemand in die Quere, obwohl der Parkplatz brechend voll war – dabei haben wir uns extra einen Dienstag ausgesucht, um nicht wie die Sardinen auf den Holzbrettern zu sitzen. Doch die Spints werden beim Check-In zugeteilt, schon das ist Teil eines weisen, fernöstlichen Konzepts.
Kurzer Uhrenabgleich (11:54), schließlich wollen wir später nicht unnötig mehr zahlen, als der Gutschein hergibt. Für Selbständige, die einfach mal so an einen Wochentag tagsüber saunieren können, ist das früh. Die Meute verteilt sich gut, es wirkt luftig. Dazu tragen auch die weißen Stoffe bei, die im Herzen des Tempels über dem Pool sanft von der Decke wehen. Mein Barometer für inneren Frieden steigt. Wir starten in der Meditatiossauna. Sie ist angenehm düster und erstaunlich leer. Wir schwitzen uns ein und nehme im Anschluss eine lauwarmen Dusche (wie gesagt, es ist früh, die Knochen noch müde). Nun wollen wir das Areal erkunden. Draußen leuchtet es weiß. Ich bin fast sicher: der Schnee, der seit Wochen die Gegend ummantelt, sie weiß und still und weit friedlicher als sonst erscheinen lässt, ist Teil des Konzepts dieser Anlage. Nichts ist denen zu groß. Laut sage ich: Danke! H. lächelt mich an. Er denkt, ich meine seine Einladung. Auch gut.
Natürlich wollen wir uns ordentlich von der Hitze durchpeitschen lassen. Im 30-Minuten-Takt finden Aufgüsse statt, verrät eine Tafel, die ganz analog neben dem Pool steht. Crazy. Zielstrebig steuern wir auf die Birkensauna zu, gleich soll es losgehen. Wie Walrosse auf einer Klippe schauen uns die Entspannungswilligen entgegen, ihre roten Häute dicht aneinandergedrängt. Wir weichen zurück und nehmen mit der Bambussauna Vorlieb, dann der Kräutersauna, der Gartensauna, dem Dampfbad. Es sind so viele Saunen, wir gehen rein, wir gehen raus, danach duschen wir kalt, na bitte. Zwischendurch vertreten wir uns die Füße im eisigen Schnee. Es pikst und brennt so arg von unten, dass ich laut fluche. Ups.
Dann haben wir Glück. Zum Aufguss „Balinesische Klänge“ ergattern wir zwei Plätze auf der obersten Stange. Wir richten uns ein und blicken gebannt zur Tür. Der Meister nähert sich mit Eimer und Kelle. Er hat einen wohldefinierten Köper und trägt, wie es sich gehört, Vollbart zu Man Bun. Hot, hot, hot in hotter Umgebung (90°). Dann fängt er an zu sprechen. Seine Stimme hat die Membran von feinkörnigem Schleifpapier. Er spricht so gewollt sanft und ausgesucht langsam, dass sich mir die restlichen Haare aufstellen, die ich vergessen habe abzurasieren, auweia. Er erzählt von der Musik, die wir gleich hören werden: dass sie eigens für uns eingespielt wurde, von einem Original Gamelan-Orchester. Wir Schäfchen lauschen gebannt, während uns seine untertourige Stimme runterfährt auf Null. Da, wo er uns haben will. Ohne Gehirn. Dann setzt die Musik ein und reißt uns aus der Schläfrigkeit. Ein ordentliches Geschepper, blechern und leer, erklingt. Ich muss an meine Kinder denken, wie sie früher auf dem Xylophon rumhämmerten. Erinnert nicht mal entfernt an das Gamelan-Orchester, in dessen Genuss ich auf meiner zweiten Asientour kam. Aber gut: das hier wurde schließlich eigens für uns eingespielt. Etwas Besseres haben wir nicht verdient.
Unser Meister, er nennt sich Lars, was nicht sonderlich asiatisch klingt, aber wer weiß, platziert eine Kugel gepresste Eiskristalle auf dem Ofen. Dann gießt er den Duft drüber, es riecht nach Hustensaft. Er schreitet in bemessenem Schritt um die glühenden Steine und schwingt mit Bedacht erst den kleinen, dann den großen Fächer. Frage mich, was er im Anschluss wohl macht. Ob er zuhause in eben jener Weise die Bettdecke aufschlägt, den Tisch deckt – oder vielleicht doch seinen Hamster anschreit (bitte: lass es nur ein Haustier sein!). Ich jedenfalls wäre nach so einer Nummer latent aggressiv. Gegenüber von uns sitzt der Mann, den ich vorhin mit einem Stock unterm Arm gesehen habe. Was er damit wohl vorhat, hier? Dann aber sehe ich, dass er auffallend gerade die Hitzeschläge des Meisters entgegennimmt. Aha.
Wahrlich. Ich bin eine echte Spa-Bremse. Merke ja selbst, dass so viel Zynismus nicht gesund ist. Dass es viel schöner wäre, einfach nur zu floaten. Also ein neuer Versuch. Wir gehen raus in Richtung Warmwasserbecken. Es dampft schon von weitem. In der Raucherecke ziehen zwei einen Joint durch. Die machen’s richtig! Gehe betont langsam an der süßlichen Wolke vorbei und atme tief ein. Sehr wohltuend. Anders lässt sich das wirklich nicht aushalten. Denn das hier ist Disneyland für Yogis. Und Teil der Künstlichkeit sind die Besucher, die im Einheitslook ihre Köper zur Schau tragen. Wie schafft man das bloß: nackt sein, und doch nix von sich zeigen. Selbstgefällig stolzieren sie, das Kinn ist leicht gehoben. Ihr Blick sagt: schaut mich an! MICH!! Zwei Mal werde ich von so einem Exemplar über den Haufen gerannt. Künstlichkeit hat eben Vorfahrt, und ich habe sicher irgendwo ein Haar zu viel.
Ohnehin fällt es mir schwer, angesichts der Krisenhaftigkeit unserer Tage ausgerechnet hier in stolzer Selbstzufriedenheit zu versinken. Die selbstverliebten Exemplare meiner Gattung machen es da nicht leichter. Wie nur soll ich mich unter all den Gockeln ernst nehmen? Noch dazu: mir das Recht auf Entspannung einräumen, an einem schnöden Dienstag gegen 12, während da draußen wer weiß was los ist. Fühle mich bitterfasernackt unter Wölfen.
Der letzte Saunagang steht an. Wir wählen eine kleine, nahezu leere Sauna mit Panoramafenster. Das andere Pärchen grüßt freundlich zurück – das erste Mal an diesem Tage. Es stimmt mich milde. Während ich schwitze, die Beine ausgesteckt, vor mir der Blick auf den Schnee, der in der Sonne glitzert, blicke ich zum ersten Mal seit langem wohlwollend auf meinen Körper. Der weder proteingestärkt noch glänzend-glatt ist. Der weich ist, und hier und da schon Dellen hat. Auch der Bauch ist nicht mehr so flach wie früher. Normal. Zu meinem eigenen Erstaunen finde ich das heute schön. Es klingt vielleicht gelogen, aber genau hier, inmitten dieser unmöglichen Ansammlung von Künstlichkeit blicke ich auf die Haut, in der ich stecke – und bin ganz soft mit mir. Einfach nur so.