Vater unser
Das erste, was ich sehe, sind seine Hände. Gefaltet liegen sie vor mir und sind viel zu klein. Irritiert trete ich näher und betrachte die kläglich ineinander geschobenen Finger. Als wolle er das Vaterunser beten. Wie um mich zu vergewissern, macht sich meine linke Hand selbstständig. Mit dem Zeigefinger berühre ich das verlogene Konstrukt, das irgendwer, vielleicht die Polin, errichtet hat. Im nächsten Augenblick reiße ich die gefalteten Hände auseinander. Zufrieden starre ich auf das Ergebnis. Wie Fremdkörper liegen die Hände nun auf seinem Bauch. Ich traue mich was und setze mich auf die Bettkante. Zu meiner eigenen Überraschung nehme ich nun eine Hand vorsichtig in meine. Sie ist kalt und schmal und schwer zugleich. Ich drücke vorsichtig auf den Leberfleck, den wir als Kinder immerzu berühren wollten und den er einmal Knopf genannt hatte, als er guter Dinge war. Ich streiche über die Härchen auf seinem Handrücken und horche auf ein Echo in mir. Als es ausbleibt, zeichne ich die Linien in seinem Handteller nach und versuche mich daran zu erinnern, ob er mich damals, als ich sein Kind war, jemals so sanft berührt hat. Ich betrachte seine kurzen Fingernägel und die Fingerkuppen, die dahinter hervorragen. Sie sind rund und prall und hart wie das Leben. Sein Leben. Ich lege meine Wange an seine Hand und merke, dass seine Haut nicht nach ihm riecht. Diese Mischung aus Schlick und Altöl gepaart mit einer Prise After Shave. Oder war es Schnaps? Stattdessen riecht er nach Krankenhaus. Und auch ein bisschen süß. Es ist, als hätte ihm jemand seine Persönlichkeit geklaut. Ist das Zufall, oder ist das immer so, wenn einer stirbt? Ich erwäge, seine Hand mit meinen Lippen zu berühren, so wie ich es im Film gesehen habe, als Zeichen der Versöhnung vielleicht, aber ich kann mich nicht überwinden. Es kommt mir so pathetisch vor. Draußen höre ich sie schon mit den Füßen scharren. Der Leichnam soll abgeholt werden, heute Vormittag noch, und bitte nicht später als 10 Uhr. Ich versuche, die Geräusche aus dem Flur auszublenden. Einmal noch will ich versuchen, ihm nahe zu sein.
Lang haben wir uns nicht gesehen. Und doch bin ich hier, heute, an diesem Tag. Zu spät, um ihm in die Augen zu blicken. Rechtzeitig, um mich zu vergewissern. Es ist gut, ihn so zu sehen: so leblos. Andernfalls wäre ich nicht gekommen. Sein großer, wuchtiger Körper liegt auf dem Bett. Seine Augen sind geschlossen. Sein Gesicht wirkt beinahe friedlich. Ich weiß, dass der Anblick täuscht. Ich weiß, dass mein Vater keinen Frieden in sich trug. Vielleicht hat der Tod ihm den Frieden ins Gesicht gemalt. Ich habe nichts dagegen. Ich weiß, dass mein Vater so war, wie er war, weil auch er so einen Vater gehabt hatte.
Wieder betrachte ich seine Hände. Sein Gesicht interessiert mich nicht. Es waren ja die Hände, vor denen ich mich gefürchtet habe, damals. Ich überlege: wann hat es angefangen? Und komme zu keinem Ergebnis. Vielleicht war es ja schon immer so gewesen. Nur setzt die Erinnerung eben nicht mit der Geburt ein. Immer noch starre ich auf die Hand, die in meiner liegt. Es ist die rechte, die böse. Sie fasziniert mich, nun, da sie mir nichts mehr anhaben kann. Es erstaunt mich, dass sie so klein ist und sein Körper so groß. In meiner Erinnerung war es fast umgekehrt. Ja, der Vater war hünenhaft groß, auch damals, aber seine Hände waren noch viel größer. Jetzt, da ich sehe, wie schmal sie sind, lässt meine Anspannung nach. Fast muss ich lachen, doch es reicht nur für ein Zischen. Mir fällt auf, wie anders er aussieht, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Nicht nur das schüttere Haar und die gräuliche Haut, auch der Freizeitanzug, den er trägt. So etwas hätte er früher nie angezogen. Immer trug er feine Stoffe und maßgeschneiderte Kleidung. Den Grund dafür kannte ich nicht. Seine Arbeit gab es jedenfalls nicht her. Überhaupt gab es wenig, was ich über ihn wusste. Nie hat er über sich gesprochen, so einer war er nicht. Natürlich nicht. Damals hatte ich nicht gewusst, dass es etwas zu fragen gab. Ich hatte geglaubt, dass ich schon alles wüsste. Als gäbe es diesen Menschen nur in dieser einen Version als Vater. Damals, als ich noch ein Kind war und auch noch in den Jahren danach, hatte ich noch nicht gewusst, dass auch mein Vater ein Kind gewesen war. Und nun liegen sie da, diese Hände, die wirken wie die Hände eines Kindes, trotz der Falten. Die Handflächen sind kaum größer als die meiner Nichte. Meine Nichte ist neun. Neun war auch er, als alles begann, fast schon zehn. So hat es mir jedenfalls Marthe erzählt, Jahre später, da hatte ich den Kontakt zu ihm längst abgebrochen. Marthe aber hat uns nie aufgegeben. Zweimal im Jahr rief sie an, zum Geburtstag und an Weihnachten. Zwischendurch hielt sie mit Postkarten den Kontakt. Eine Woche nachdem er einen Schlaganfall gehabt hatte, erreichte mich ihr Brief. Sie hatte mich mit seiner Geschichte überrumpelt. Eine Geschichte, die ich nicht hatte wissen wollen. Ich schaffte es nicht einmal, den Brief zu Ende zu lesen, so wütend war ich. Was ging mich das noch an? Was nahm Marthe sich heraus? Ich sprach nicht mehr mit ihr, nicht an meinem 37. Geburtstag eine Woche später, und auch nicht an Weihnachten, vier Monate darauf. Bis ich mich auf sein Leben einlassen konnte, das auch das meine war, vergingen zwei weitere Geburtstagsanrufe, die ich unbeantwortet ließ. Kurz vor meinem Umzug fiel mir der Brief wieder in die Hände. Und ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Warum, konnte ich mir selbst nicht erklären. Rike meinte, es sei eben das Alter dafür. Von mir aus. Nach und nach erfuhr ich, wie das Leben des Mannes, der mein Vater war, ausgesehen hatte, bevor er mein Vater wurde. Ich wurde süchtig danach, ich konnte nicht genug in Erfahrung bringen. Marthe war dankbar für mein Interesse. Und doch brachte es nicht die erhoffte Erlösung. Als alle Fragen doppelt und dreifach gestellt waren, lag ich da und wusste nicht wohin mit all den Bildern. Und obwohl ich verstand, dass mein Vater Schlimmes erlebt hatte, Schlimmeres sogar, konnte ich ihm längst nicht vergeben. So einfach war es nicht. Ich glaube, Marthe war davon enttäuscht, auch wenn sie es mir so nicht sagte. Wir telefonierten nur noch selten. Vor zwei Wochen meldete sie sich. Ich verstand gleich, worum es ging. Sie klang müde.
Die ganze Nacht war ich unterwegs. Dabei wohne ich nur am anderen Ende der Stadt. Ich hatte gewusst, dass es soweit ist. Dass ich herkommen muss, heute. Zielsicher bin ich durch die dunklen Straßen gefahren. Vorbei an Häusern, die niemals mehr die meinen sein werden. Vorbei an Fenstern, in denen ich uns sah. Und immer bog ich ab, sobald ich die vertrauten Türme entdeckte. Rechts, rechts, links, beständig im Rhythmus, damit ich nicht verloren gehe. Nach der vierten Runde hörte ich auf zu zählen. An einer Bushaltestelle hielt ich an. Ich schloss die Augen und wartete. Die Kälte kroch auf den Beifahrersitz, in meine Jackentasche, unter meine Haut. Kein Hund bellte. Als die Stadt sich zu räkeln begann, fuhr ich noch einmal hinaus. Am Weiher stellte ich den Wagen ab. Ich überblickte das spiegelglatte Wasser im blassen Licht des untergehenden Mondes. Etwas bewegte sich in der Ferne und entschwand im Dickicht der Dämmerung. Die Sonne hatte es noch nicht über die Kuppe geschafft, da ließ ich den Motor wieder an. Schlaufe um Schlaufe näherte ich mich. Kreiste die Wohnblocks ein, zwischen denen ich groß geworden war. Bis die Sonne auf den Plan trat und die grauen Riesen Schatten warfen. Bis ich vor seiner Tür stand.
„Wie lang noch?“, die Polin schaut herein. Ich flüstere etwas in ihre Richtung, das ich selbst nicht recht verstehe, dann sind wir wieder allein. Ich stehe auf und laufe um das Bett herum. Ich öffne die Vorhänge und das Fenster. Rike hatte mir davon erzählt, dass man die Seele freigeben müsse. Ein Kuss ist nicht drin, ein offenes Fenster schon. Ich nehme seine Hände und lege sie übereinander. Als ich an der Tür stehe, schaue ich nicht mehr zurück. Ich spüre, dass er fort ist.