Das Wenige... (Teil 3)
Ich nehme die Bücher zur Hand, die mein Vater mir gegeben hat. Gleich auf der ersten Seite eine handschriftliche Notiz: „In Kielce war ich im Lazarett – Splitter aus Handgelenk!“ Irritiert starre ich auf die Buchstaben. Als hätte ich bis eben an den Weihnachtsmann geglaubt. Es ist nur so, dass mich bereits die Bücher selbst überrascht haben. Meine Großmutter hat nicht gelesen. Sie besaß auch keine Bücher. Klar, es gab eine Bibel, doch die war mehr Beiwerk als Lektüre. Und einmal lag kurzzeitig (wie zum Ausgleich) ein Buch über die Machenschaften des Vatikans herum. Ob sie es gelesen hat, weiß ich nicht. Schon deshalb sind die Bücher aus ihrem Nachlass eine Entdeckung für mich. Ich blättere und stelle fest: Elli hat mit Bleistift Notizen gemacht, Satzstellen markiert, Orte eingekreist und mit Nummern versehen. Sie hat die Bücher nicht nur gelesen, sie hat sie durchgearbeitet wie eine Studentin. Ich schaue nach, wann die Bücher erschienen sind. Nur um festzustellen: sie tat es in einer Zeit, in der ich häufig bei ihr gewesen bin. Die Auflagen sind von 1981, 1988, 1990, 1993.
1993 kam ich in die 9. Klasse. Wir wechselten vom Mittelstufentrakt in den Gang vor der Oberstufe. Wir hatten Geschichtsunterricht und neuerdings WiPo. Wir diskutierten mit unseren Lehrern. Wir wussten alles besser. Aber es ist, als wäre ich blind gewesen in diesen Jahren. Blind für meine Großmutter. Hätte ich nicht bemerken müssen, wie stark der Verlust ihrer Heimat sie beschäftigt hat? Um ehrlich zu sein (und das ist es, was ich will): Ich habe nicht mal darüber nachgedacht. In all den Jahren kam es mir nicht in den Sinn. Es ist beschämend, das festzustellen. Aber es war ja auch so: die Voraussetzungen hierfür (für ein Erkennen, ein Erfassen der Situation) waren wie nicht gegeben. Weil wir alle nicht sprachen. Nicht über diese Dinge. Niemand in der Familie, und auch sonst nirgendwo. Das Nicht-Sprechen aber hat das Nicht-Denken geschult. Das ist ebenso wahr wie meine mangelnde Vorstellungskraft, meine fehlende Idee von Ellis Leben. Damals habe ich nicht begriffen, dass meine Heimat (die ich so nicht nannte, die ich bis heute, und das ist vielleicht bezeichnend, nicht dort empfinde, wo ich meine Kindheit verbracht habe) nicht die ihre war. Obwohl ich wusste, dass mein Vater in Schlesien geboren wurde. Natürlich wusste ich das. So wie man weiß, dass das Internet über einen Zahlencode funktioniert: lauter Nullen und Einsen. Selbstverständlich wusste ich auch, dass Elli mit meinem Vater und seiner Schwester hatte fliehen müssen. Nur: diese Tatsachen blieben seltsam abstrakt. Heute lässt mich das ungläubig den Kopf schütteln. Immerhin war ich schon 15, als Elli ab und zu über die Flucht sprach. Aber auch: Ich war erst 15. Ich war anderweitig beschäftigt. Mit mir. Mit der Trennung meiner Eltern. Mit meiner ersten Liebe. So in etwa.
Und später? Warum sprachen wir nie detaillierter davon? Immer klang es wie ein Dreischritt. Als wäre es keine große Sache gewesen. Einmal über den Fluss, Leichen passieren, dann die Zugfahrt, fertig. Ich hinterfragte das nicht. Ich war nicht in der Lage, mich einzufühlen. Elli berichtete aus einer Lebensrealität, die mir vollkommen fremd war. Während ich den Geschichten aus der Kindheit meines Vaters gern lauschte, sie immer wieder hatte hören wollen (die Bedürfnisse, die er als Kind hatte, konnte ich nachvollziehen, der nostalgische Blick auf dieses Früher machten sie umso wärmer) war ich hier wie gelähmt. Vielleicht war da eine unbestimmte Sperre, die zu durchbrechen ich nicht wagte. Ich war froh, dass es Elli nicht aufwühlte. Froh auch zu hören, dass sie sich stets mit Erfolg vor den Russen versteckt hatte (etwas, das sie in einem Nebensatz erwähnte). Zu mehr reichte es nicht.
Die Sprachlosigkeit, die man der Nachkriegsgeneration vorwarf, trug also auch ich in mir, selbst wenn ich es damals nicht merkte. Arrogant erhob ich mich über eine in meinen Augen feige Generation, indem ich keinerlei Verständnis für ihre Unfähigkeit, ihren Unwillen zur Auseinandersetzung hatte, wann immer ich davon las. Tja. Wir machten es kaum anders. Ich machte es nicht anders. Ich hätten fragen können. Aber ich verschleppte die Sprachlosigkeit. Weil auch ich feige war. Weil ich Angst davor hatten, das Grauen zu wecken. Nicht nur damals. Auch später kam es mir durchaus gelegen, dass der Alltag einen immer ablenkte von den Fragen. Der Kopf: voll mit Wichtigerem. Wenig Zeit für anderes. Für andere auch.
Ich beschließe, es sachlich anzugehen. Will zunächst die politische Situation begreifen, über die ich bis dato nur vage Kenntnis habe. Wer wann welche Ansprüche erhoben hat und: auf welcher Basis. Ich bestelle Bücher von Zeitzeugen. Berichte aus der Zeit vor und während der Vertreibung. Ich lese nicht: Ellis Bücher. Stattdessen bleibe ich bei meiner eigenen Auswahl und lese wie im Fieber. Die Berichte, das merke ich bald, sind auf irritierende Weise austauschbar. Dennoch stelle ich mir lange die Frage, ob meine Großmutter dasselbe erlebt hat. Noch denke ich, will ich denken: vielleicht hat sie Schlesien bereits früher verlassen, so dass sie das Grauen nicht hat erfahren müssen. Erst nach und nach wird mir klar, dass dies nicht passt mit dem Wenigen, das ich über ihre Geschichte weiß. Dass sie sich nicht hätte vor den Russen verstecken müssen, wäre sie früher aufgebrochen. Überhaupt, das Wort Flucht beinhalte eine Bewegung, der Unheil im Nacken sitzt. Gemeint sein kann nicht: ein Umzug in freien Stücken. Unnötig, das zu betonen. Eigentlich. Aber wie lässt sich erklären, dass ich derart lange gewillt war, eine andere, friedfertigere Geschichte zu lesen – mitten im Krieg? Liegt es daran, dass die Zugfahrt, wenn Elli davon sprach, mehr einer Reise glich, als den Deportationen, von denen ich nun lese? Tagelanges Ausharren in Kälte. Hunger. Mangelnde Hygiene. Menschen, zusammengepfercht wie Vieh. Krankheit. Tod.
Und dann fällt mir wieder etwas ein. Einmal hat Elli davon erzählt, dass sie fast die Weiterfahrt verpasst hätte, als sie auf der Suche nach etwas Essbarem war. Ein anderes Mal sei Rosa beinahe verloren gegangen. Man hätte sie gerade noch rechtzeitig gefunden, bevor sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt habe. Ich sitze da und kann mich nicht bewegen. Ich höre sie sprechen. Ich denke nichts. Erst recht stelle ich keine Fragen. Nicht damals, nicht in den Jahren danach. Erst heute. Zu spät.